Nachfolge ist weiblich!

Frauen in der Unternehmensnachfolge
Chancen und Potenziale!
Nationaler Aktionstag ‚Nachfolge ist weiblich!‘ am 21. Juni

Laut dem Nachfolge-Monitoring Mittelstand von KfW Research streben bis zum Ende des Jahres 2022 rund 230.000 KMU eine Nachfolge an. Die im Zuge der Corona-Pandemie zurückgestellten Nachfolgeplanungen rücken nun wieder in den Blick.

Konstatiert wird eine ‚Renaissance der Familie‘, denn das Interesse an Familiennachfolgen ist wieder gestiegen. Dennoch hat das das Grundproblem der Unternehmensnachfolge weiterhin Bestand: Ungünstige Demografie, Fachkräfte-Engpässe und der Mangel an Nachwuchs treiben die Lücke beim unternehmerischen Generationswechsel weiter auseinander.

Zum Anteil der Unternehmensnachfolgerinnen gibt es insgesamt nur wenige und sehr heterogene Daten. Je nachdem, welche Datenquelle zugrunde gelegt wird bzw. welche Einzelaspekte betrachtet werden, schwanken die Zahlen zwischen 13 und 25 Prozent.

Der Nachfolgemonitor 20211 beziffert den Anteil der Übernehmerinnen mit 21 Prozent und stellt fest, dass der Frauenanteil seit 2013 nahezu gleichgeblieben ist. EinGrund hierfür liegt darin, dass die Chancen, die in einer Unternehmensnachfolge liegen, zu selten erkannt werden. Auch die ungünstigen Rahmenbedingungen für Gründerinnen und Nachfolgerinnen dürften eine wesentliche Rolle spielen.
Dazu zählt auch die Bevorzugung des eigenen Geschlechts durch männliche Senior-Chefs bei der Besetzung von Leitungspositionen.

Die Wirtschaftszweige, in denen Frauen als Unternehmensnachfolgerinnen aktiv sind, konzentrieren sich auf Handel und Kfz (25,3 Prozent), freie, wissenschaftliche, technische und sonstige Dienstleistungen (16,7 Prozent), das Gastgewerbe (16,3 Prozent), das Gesundheits- und Sozialwesen (15,5 Prozent), das verarbeitende Gewerbe (8,6 Prozent) sowie Andere (17,6 Prozent).

Chefinnen gesucht! Chancen und Potenziale bei vakanten Nachfolgelösungen

Aus der Bildungsforschung ist bekannt, dass Frauen das Bildungssystem schneller und mit durchschnittlich besseren Abschlüssen durchlaufen als Männer: Unternehmerisch selbständige Frauen haben ein hohes Bildungsniveau und zeigen ein beeindruckendes Spektrum an Können, kreativen Ansätzen und innovativen Potenzialen. Sie beweisen Fach- und Führungsstärke, wollen eigene Ideen umsetzen und nach eigenen Qualitätsstandards arbeiten. Die Übernahme eines bestehenden Unternehmens eröffnet Frauen spannende Karriere-Chancen und ermöglicht ihnen häufig auch eine adäquatere Verwertung ihrer Bildungsqualifikationen.

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„Diese beiden Pole – einerseits die strukturelle Nachfolgelücke beim unternehmerischen Generationswechsel, die gerade auch bei den mittleren und kleineren Betrieben ein großes Thema ist, und andererseits die am besten qualifizierte Frauengeneration aller Zeiten – gilt es, zusammenzubringen. Ziel ist es, diese Potenziale und Chancen in den Fokus zu rücken, damit die gut qualifizierten Frauen zukünftig aktiver in die unternehmerischen Nachfolgelösungen einbezogen werden. Die Übernahme eines Unternehmens erlaubt Frauen, ihre erworbenen Qualifikationen auf hohem Niveau einzubringen.

Deshalb engagiert sich die bundesweite gründerinnenagentur (bga) mit der Kampagne ‚Nachfolge ist weiblich!‘ dafür, Frauen die Karriere-Chancen, die mit einer Unternehmensnachfolge verbunden sind, näher zu bringen. Auch möchten wir Unternehmen, bei denen eine Nachfolge den Firmenfortbestand sichert, mit den gut qualifizierten Frauen von heute – sei es als Tochter, Schwiegertochter, Mitarbeiterin oder Externe – für eine erfolgreiche Betriebsnachfolge in Kontakt bringen“, erklärt Iris Kronenbitter, Leiterin der bundesweiten gründerinnenagentur (bga).

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Bundesweiter Aktionstag ‚Nachfolge ist weiblich!‘ am 21. Juni 2022
Mit rund 50 regionalen Akteurinnen und Akteuren in den 16 Bundesländern

Koordiniert von der bundesweiten gründerinnenagentur (bga) gestalten rund 50 Akteurinnen und Akteure zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen vor Ort analog, online oder hybrid und betreiben ein überregionales bga-Expertinnen-/ Expertentelefon. Sie beraten fachkundig zur Betriebsnachfolge, zeigen die Chancen auf, die in einer stärkeren Einbeziehung von Frauen in die Unternehmensnachfolge liegen und veranschaulichen zentrale Aspekte des Nachfolgeprozesses sowie Wege der Umsetzung.

Veranstaltet werden die Aktivitäten u.a. von den Partnerinnen und Partnern der nexxt-Initiative sowie den Expertinnen und Experten der Nachfolge, die in Kammern, Ministerien, in der freien Wirtschaft oder in der Forschung arbeiten. Die Angebote reichen von Sprechtagen und Sprechstunden, Podiumsdiskussionen und Vorträgen, Telefonaktionen und Beratungsgesprächen über Nachfolge-Walks, Frühstücksdates, Seminaren bis hin zu ganzen Seminar- bzw. Veranstaltungsreihen bzw. Artikelserien, Mentoring, Coaching, Workshops, Live-Talks und Chats. Die Akteurinnen und Akteure informieren regional über ihre Aktivitäten. Die Aktivitäten sind online zugänglich unter
https://www.existenzgruendungsportal.de

Weitere Veranstaltungen zum Thema Unternehmensnachfolge bieten die Projekte der Initiative „Unternehmensnachfolge – aus der Praxis für die Praxis“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie an. Informationen finden Sie dazu unter: http://rkw.link/aktionstagveranstaltungen
Mehr zum weiblichen Nachfolgegeschehen gibt es im bga-Faktenblatt Nr. 38 ‚Unternehmensnachfolge durch Frauen IV‘.

‚Nachfolge ist weiblich!‘ am 21. Juni 2022

Über die bundesweite gründerinnenagentur (bga)
Die bundesweite gründerinnenagentur (bga) ist ein deutschlandweites Kompetenz- und Servicezentrum zur unternehmerischen Selbständigkeit von Frauen mit Angeboten über alle Branchen zu Gründung, Festigung, Wachstum, Startups und Unternehmensnachfolge. Die bga ist Ansprechpartnerin für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Medien sowie für Gründerinnen, Unternehmerinnen, Betriebsnachfolgerinnen und female Start-ups. Sie bündelt Kontakte und Informationen zu Expertinnen und Experten, Studien, Beratungseinrichtungen und Netzwerken in ganz Deutschland und wurde von der Europäischen Kommission als europäisches Erfolgsmodell ausgezeichnet. Die bga wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF).

INTELLI-ATHLETICS zum Thema Wachstumsfinanzierung

Gründerinterview: CEO von INTELLI-ATHLETICS

Finn Schütt, Gründer und CEO der Physiotherapie-Software INTELLI-ATHLETICS, im Interview zum Thema Zukunftsplanung und Wachstumsfinanzierung des Start-Ups:

Im letzten Jahr hat INTELLI-ATHLETICS seine Kundenansprache und Strategie neu mit dem Fokus auf Physiotherapie ausgerichtet. Was sind nun die nächsten Schritte, um das Unternehmen weiter voranzubringen?

„Aktuell ist unser nächster Schritt die Wachstumsfinanzierung. Dafür benötigt es einen handfesten Proof of Business und eine ausgereifte Go-to-market-Strategie. INTELLI-ATHLETICS hat hier bereits eine vielversprechende Grundlage geschaffen.“

Physiotherapie-Software Intelli-Athletics Vorschau
Physiotherapie-Software Intelli Athletics

Wie gestaltet sich diese Grundlage genauer?

„Durch die Fertigstellung unserer Software und erste Testkunden im letzten Jahr konnte wir wichtige Erfahrungen sammeln, auf deren Grundlage wir nun eine funktionierende Vertriebstrategie erarbeitet haben, mit der wir bereits erste Erfolge feiern können. Auf diesen Erfolgen möchten wir nun aufbauen und mit Hilfe einer Wachstumsfinanzierung unser Geschäftsmodell weiter skalieren.“

Haben Sie ein Beispiel für erste Erfolge des Unternehmens?

„Seit Anfang des Jahres konnten wir jeden Monat eine größere Umsatzsteigerung erzielen. Unsere Kunden geben uns positives Feedback und empfehlen uns an ihre Kolleg*innen weiter. So sagt Physiotherapeut und Kunde Timo Montag über seine Erfahrungen mit der App: „Die App ist zu 100% gut durchdacht und bietet all das, was ich bei meinen anderen Programmen in unserem Gesundheitszentrum vermisse. Die App bietet eine Kombination aus finanziellem und trainingswissenschaftlichem Mehrwert. Sowohl meine Mitarbeiter als auch meine Patienten und Selbstzahler-Kunden profitieren von der Software.““

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Wieso lohnt sich eine Wachstumsfinanzierung?

„Durch unsere Software sind wir First-Mover am deutschen Markt. Die Digitalisierung der Physiotherapie nimmt in Deutschland, wenn auch verspätet, an Fahrt auf. Während andere Anbieter auf die Digitalisierung der Verwaltung und die bereits bestehenden Prozesse konzentrieren, legen wir den Fokus auf die Einbindung der Patient*tinnen und deren aktive Beteiligung in die Therapieprozesse mit Hilfe von Technik. Sowohl kleinere Kunden, wie „C316“ als auch größere Praxen, wie z.B. „Handwerk-Therapie“ profitieren bereits von der App.“

Was passiert nach der Finanzierung?

„Im Anschluss an die Finanzierung streben wir zum Einen strategische Partnerschaften in der Branche an um den Bekanntheitsgrad zu steigern. Zum Anderen sind wir bestrebt, ein Vertriebsteam aufzubauen, was uns dazu verhilft unseren Entwicklungsfortschritt auszubauen und uns einen festen Platz im Markt zu sichern.“

Mehr über INTELLI-ATHLETICS

finden Sie auf https://intelli-athletics.com/

Vier Jahre Gründerplattform

Vor rund 4 Jahren wurde vom Bundeswirtschaftsministerium und der KfW die sogenannte Gründerplattform ins Leben gerufen. Seither verzeichnete die Plattform als Anlaufstelle für Gründungswillige sechs Millionen Besucherinnen und Besucher. Jährlich konnten mit ihrer Hilfe 12.000 Gründungen unterstützt und 29.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Die Gründerplattform bietet Gründungsinteressierten aller Branchen – vom klassischen Handwerk bis zur spezialisierten, digitalisierten Dienstleistung – Tipps, Tools und Beratung. Das Angebot reicht von digitalen Webinaren (z.B. über Social Entrepreneurship), über Möglichkeiten der Vernetzung mit Gründungsprofis im Partnernetzwerk der Gründerplattform, bis hin zu digitalen Werkzeugen, die das Gründen erleichtern. Zentrales Element ist dabei die digitale Erstellung von Businessplänen.

Vier Jahre Unterstützung für Gründerinnen und Gründer

Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und Beauftragter der Bundesregierung für den Mittelstand: „Vielfältige, dynamische Gründungen sind essenziell bei der Transformation der deutschen Wirtschaft hin zu einer digitalen und ökologischen Marktwirtschaft. Gründerinnen und Gründer zeigen eindrucksvoll, wie sie mit neuen Geschäftsmodellen auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren – insbesondere beim Thema Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Die gemeinsam von der KfW und dem BMWK getragene Gründerplattform bietet hierbei umfangreiche Unterstützung für Gründerinnen und Gründer, die wir in Zukunft noch weiter ausbauen. So wollen wir die Plattform in Richtung eines „One Stop Shops“ weiter entwickeln, als Anlaufstelle für Gründungsberatung, -förderung und -anmeldung. Unser Ziel ist es, Gründungen binnen 24 Stunden zu ermöglichen.“

Stefan Wintels, Vorstandsvorsitzender der KfW: „Deutschland muss in den kommenden Jahren den Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft beschleunigen und sich gleichzeitig als Industrie- und Technologiestandort stärken. Ein dynamisches Gründungsgeschehen ist hierfür ganz entscheidend. Denn junge Unternehmen treiben mit neuen Geschäftsmodellen und technologischen Lösungen den Wandel voran. Der neue KfW-Gründungsmonitor sendet ermutigende Signale: Die Zahl der Existenzgründungen wächst deutlich, der Anteil von Gründerinnen steigt, digitale und internetbasierte Gründungen haben Rekordwerte erreicht. Diese Entwicklung gilt es zu fördern. Die von KfW und vom BMWK getragene Gründerplattform leistet einen wertvollen Beitrag, indem sie Gründungsinteressierten aus einer Hand ein Angebot unterbreitet, was für einen schnellen und erfolgreichen Start benötigt wird.“

Die Unterstützung für die Gründerplattform

Die Unterstützung für die Gründerplattform aus den Reihen der deutschen Gründungsförderer ist breit. Schon nahezu 700 Partner zählt die Plattform. Darunter sind alle Förderbanken und Bürgschaftsbanken der Länder, mehr als 50 Prozent aller Kammern, über 250 Sparkassen und Volksbanken sowie etliche private Banken und regionale Wirtschaftsförderer. Entsprechend breit ist die Palette der Unterstützung: über 600 Beratungsangebote und mehr als 900 Events und Wettbewerbe stehen Gründerinnen und Gründern zur Auswahl.

Um das Gründungsgeschehen weiter zu beleben, müssen Gründungshemmnisse weiter abgebaut werden; Finanzierungs- und Förderberatung gezielt ausgeweitet werden.

Eigener Chef statt Job-Center

Eine Studie von Autor Knut S. Pauli.

Die Pandemie wütet in den Innenstädten, auf dem Land und im ganzen Wirtschaftsraum. Die Folgen: Etliche Firmen und Geschäfte sind längst insolvent oder von der Insolvenz bedroht. So auch viele Franchise-Systeme. Trotzdem ist Franchising immer noch eine der sichersten Varianten, sich in Krisenzeiten selbständig zu machen.

Bedingt durch die noch längst nicht ausgebremste Pandemie vollzieht sich ein radikaler Wandel in der Wirtschaft. Im Konsumsektor zählen Gastronomie, Touristik und Einzelhandel allemal zu den vom Lockdown gebeutelten Branchen. Bis zu 50.000 Händler werden für immer den Rolladen unten lassen, befürchtet der Handelsverband Deutschland (HDE). Im industriellen Sektor schickten nahezu alle Konzerne einen Gutteil ihrer Leute zunächst in die Kurzarbeit, danach kommt eventuell der blaue Brief.
Noch federt die Arbeitsmarktpolitik die Gefahr explodierender Job-Verluste ab.

Im August 2025 erhielten 33.000 Arbeitnehmer konjunkturelles Kurzarbeitergeld.

Im Jahr 2023 waren laut BA durchschnittlich rund 240.800 Personen in Kurzarbeit. Die Anzahl der Kurzarbeiter fiel insbesondere in den Jahren 2020 und 2021 wesentlich höher aus: Aufgrund der Corona-Pandemie waren im April 2020 laut Angaben der Agentur für Arbeit rund sechs Millionen Personen in Kurzarbeit. Damit wurde der bisherige Rekordmonat Mai 2009, als 1,44 Millionen Menschen in Kurzarbeit waren, deutlich übertroffen. Im Durchschnitt des ganzen Jahres 2020 waren knapp 2,94 Millionen Menschen in Deutschland von Kurzarbeit betroffen.

Inmitten dieser düsteren Aussichten gibt es aber gerade auch Hoffnung, dass einige Anbieter weiterhin erfolgreich bleiben, andere als innovative Überflieger die Zeit überstehen, aber auch einige sehr schweren Zeiten entgegensehen. In der Folge versucht die Redaktion von Franchising.mag und franchising-network.de eine Analyse der Chancen und Risiken, der Gewinner und Verlierer.

Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten! So werden tausende Freigesetzte und Arbeitslose auf den Markt strömen, deren einzige Chance auf eine sichere Zukunft im Sprung in die Selbständigkeit besteht. Hier setzen wir an und werden das Geschehen am Markt für Franchise-Systeme unter die Lupe nehmen. Dort, wo Standorte von Franchise-Partnern frei werden, werden sich neue, zeitgemäßere System mit ihren Partnern etablieren. Die arrivierten Systeme wie im Immobilienbereich oder IT-Service werden sich die Rosinen herauspicken. In systemrelevanten Dienstleistungen, in der Technik oder im Health-Care-Bereich, den Pet-Stores oder dem Bau-/Handwerk sind die Chancen weiterhin gut. Aber auch Geschäftsideen mit höherem Risiko und neuer Ausrichtung wie im Lieferservice oder Green-Food-Sektor haben gute Erfolgsaussichten.

Letzter Strohhalm Franchising

Der dritte Bereich sind die Restarter, die mit Aufnahme der ersten Lockerung von Präsenzmöglichkeiten profitieren wie Nachhilfe und seriöse Fitnessanbieter. Alles in allem aber eine schwierige Situation der Abwägung für ein Investment des Einzelnen, aber auch eine riesige Chance, den Markt für Franchise-Systeme neu aufzurollen und umzukrempeln. Die dabei von allzu cleveren Existenzgründungsberatern als Strohhalm angepriesene Zahl von 1.000 Franchise-Geschäftsidee dürfte sich bei Ansicht der harten Fakten auf allenfalls 400 Franchise-Systeme abschmelzen, die tatsächlich zukunftsfähig und dazu expansiv sind.

Bei der nun anstehenden Besetzung der verbliebenen weißen Flecken auf der Vertriebs-Landkarte sowie die Nachfolgesuche für frei werdenden Plätze von Franchisenehmern, denen noch eine Schonfrist gewährt ist, um ihre Insolvenz beim Amtsgericht anzumelden, müssten Franchise-Manager Nachtschichten einlegen, um aus dem Leads-Traffic in den sozialen Medien die Treffer unter den Kandidaten auszufiltern.

Eigener Chef – Run auf Geschäftsideen

Denn mangels eigener Geschäftsideen des Gros der Gründer21 wird ein Run auf Franchising einsetzen, vorausgesetzt der Weg dahin ist bekannt und die Offerten seriös. Welches Potenzial Franchising als Jobmaschine hat, zeigt sich in den USA, dem Mutterland des modernen Franchisings mit seinen rund 5.000 Systemen. Das Department of Commerce in Washington schwört auf das arbeitsmarktpolitische Instrument, mit dem es immer wieder gelingt, Jobsucher mir einer „Franchise“ in Arbeit und Brot zu bringen.

Aktuell könnte die amerikanische Franchise-Industrie laut einer Wirtschaftsprognose der Internationalen Franchise Association (IFA) mehr als 26.000 Standorte hinzufügen und damit die Rückgänge gegenüber dem Vorjahr ausgleichen sowie fast 800.000 neue Arbeitsplätze schaffen. “Durch schnelle Anpassungsfähigkeit, skalierbare Technologie und den Fokus auf nachgefragte Produkte und Dienstleistungen hat der Franchise-Sektor immer wieder seine Widerstandsfähigkeit bewiesen”, so Robert Cresanti, Präsident und CEO von IFA.

Franchise unterm Radar

In Deutschland entwickelt sich diese Form der Kooperation noch weitgehend unter dem Radar der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitiker. Nach einem stürmischen Wachstum in den 90ziger Jahren des letzten Jahrhunderts oszilliert die deutsche Franchise-Industrie um 1.000 Systeme. Durch die Corona-Krise kam es aktuell aber zu einem Aderlass. Nach Einschätzung von Reinhard Wingral steht rund ein Drittel der Franchise-Systeme auf tönernen Füßen. In der Gastronomie und in der Fitness-Branche, zwei der Franchise-Domänen, sind Partner-Pleiten absehbar. Beim harten Kern von soliden Franchisesystemen dürfte der Abschmelzprozess mit einer deutlich geringeren Quote von fünf Prozent zu Buche schlagen – also 15 bis 20 Franchise-Systeme, prognostizierte Reinhard Wingral zu Beginn der Corona-Krise.

Im Jahr 2024 zeigte sich die Franchise-Wirtschaft in Deutschland robust mit einem Wachstum bei Betrieben, Umsatz und Beschäftigung. Die Anzahl der Franchisebetriebe stieg um 2,0 % auf rund 193.920, während der Gesamtumsatz um 1,1 % auf 149,2 Milliarden Euro anwuchs. Der Sektor beschäftigte 829.700 Mitarbeiter, was seine Stabilität unterstreicht. 

Erfolgsaussichten im Franchising

Der Deutsche Franchiseverband (DFV) „Franchising dürfte künftig weiter an Bedeutung gewinnen, schließlich kristallisiert sich aktuell heraus, dass das Modell Franchise der Krise, dank des stabilen Netzwerkes, vergleichsweise gut gewachsen ist“, erläuterte Torben Leif Brodersen, Ex-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Franchiseverbandes, und folgert: Einmal mehr zeigt sich, dass sich der System- und Netzwerkgedanke auch in wirtschaftlich turbulenten Zeiten bewährt hat und Verlass ist auf diese Form der Solidargemeinschaft. Das macht das bewährte Konzept Franchising zu einer verlässlichen Zukunftsstrategie für die Post-Corona-Zeit.“ Von den oft zitierten 1.000 Franchise-Systemen hierzulande sind etwa ein Drittel im DFV organisiert und haben somit den Tauglichkeitstest des Verbandes in Zusammenarbeit mit dem Institut F&C bestanden.

Zu den Erfolgsaussichten im Franchising gibt es viele blumige Versprechen aber bislang nur wenige harte Daten. Eine Studie des wissenschaftlichen Instituts F&C mit Sitz in Münster aus dem Jahr 2016 zeigt, dass Franchise-Gründer im Durchschnitt nach einem Jahr noch zu 94 Prozent aktiv sind; bei unabhängigen Gründungen haben sich dagegen etwa 85 Prozent der Unternehmer behauptet. Zwei Jahre nach der Gründung existieren noch 90 Prozent der Franchise-Nehmer und 75 Prozent der „allgemeinen Existenzgründer“. Im 3. Jahr sind noch 83 Prozent der Franchise-Unternehmer aktiv und 68 Prozent der übrigen Selbständigen. Damit liefert das mit dem Deutschen Franchise Verband (DFV) zusammenarbeitende Institut einen belastbaren Wert für die Performance der Gründer21 im Franchising.

Quo vadis Franchising

Mehr denn je kommt es aber auf eine gründliche Analyse der Franchise-Möglichkeiten an. Denn bislang gab es schon viel zu viele Partner, die nicht annähernd so gut verdienen wie der eine oder andere Franchisegeber verkündet und die von daher kein finanzielles Polster aufbauen konnten. Die immer wieder lauthals beschworene Win-Win-Situation erweist sich immer wieder als Fata Morgana. – „Franchising ist halt kein Allheilmittel, um unreife Geschäftsmodelle zum Laufen zu bringen“, kommentiert Consultant Wingral.

Ergo: Franchising nach dem Management ist durchaus eine solide Option, falls das Geschäftsmodell und das Trainings-und Betreuungs-Konzept, das Manager zu Franchisenehmer mutieren lässt, den Stresstest über Corona hinaus erfolgreich absolviert hat. Allerdings setzt dies nach der Schulung und Hospitation bei einem bestehenden Franchise-Partner den vollen Einsatz der Gründer21 an der Verkaufsfront mit ihrem eigenen Geschäft voraus.

Von der Beraterin zur Chefin

deGUT-Repräsentantin Cordula Schmude, Geschäftsführerin der Störk GmbH aus Nauen, zeigt, wie eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge aussehen kann. 
Cordula Schmude wuchs mit Eltern auf, die einen eigenen Betrieb führten, das Nachfolgethema stand also schon früh im Raum. Doch so leicht wollte sie es sich nicht machen. Ihr war wichtig, erst einmal herauszufinden, was sie selbst will und sich unabhängig eine Existenz aufzubauen. Nach dem Abitur mit Berufsausbildung zur Walzwerktechnikerin führte ihr Weg sie zunächst zu einer DDR-Spezialschule in Wiesenburg, die Schülerinnen und Schüler für das Lehrerstudium im Fach Russisch vorbereitete. 

Dort arbeitete sie bald in der Verwaltung, Abteilung Finanzen, mit. Anschließend bekam sie den Job als Kämmerin für die Großgemeinde Wiesenburg angeboten. Eine Arbeit, die sie – insbesondere in politisch spannenden Jahren – sehr gern machte. Als ihr Vater erkrankte, gab sie ihre Tätigkeit jedoch auf und arbeitete in der Firma ihrer Eltern mit. Parallel absolvierte sie einen Verwaltungsangestelltenlehrgang. Kurz vor der Verbeamtung fragte sie sich: Will ich das wirklich? Sie entschied sich dagegen und nahm ein BWL-Studium in Potsdam auf. 

Noch als Studentin baute sie in Fläming ihre eigene Firma auf, die Rohstoffe und Produkte für den Garten- und Landschaftsbau vertrieb. Die Handelsgesellschaft Schmude mbH wuchs schnell. Bei einer Gartenbaufachmesse begegnete sie Paul Störk, der in dieser Branche für den Groß- und Einzelhandel produzierte. Es zeigte sich, dass die beiden professionell ein gutes Team bildeten, und so unterstützte sie sein Unternehmen bald per Beratervertrag, half neue Produktionsstätten aufzubauen, insbesondere für die Herstellung von Biofiltermaterialen. 

Als Paul Störk Mitte 2002 ankündigte, das Unternehmen nicht mehr weiterführen zu wollen, entschied sich Cordula Schmude nach reiflicher Überlegung, die Firma, die sie mit viel Engagement mit auf guten Kurs gebracht hatte, zu kaufen. Ein großer Schritt für die gesamte Familie – auch ihre zwei Söhne, kurz vor der Jungendweihe, mussten dafür Wohnort und Schule wechseln. Der Kauf wurde über die Hausbank des Unternehmens finanziert, mit der sie bereits während ihrer Beratertätigkeit vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte. 

Seither hat Cordula Schmude über Fördermittel und Kredite zwölf Millionen Euro in das Unternehmen investiert, das heute einer der größten und modernsten Hersteller von Rindenprodukten, Substraten und Biofiltern in der Region ist. Zu den bundesweiten Kunden zählen u.a. große Handelsketten wie Bauhaus oder Rewe, die hergestellten Biofiltermaterialien kommen weltweit zum Einsatz. Inzwischen beschäftigt die Störk GmbH 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter auch mehrere Auszubildende.

Nachhaltigkeit gehörte schon immer zur Firmenphilosophie, die Schmude seither konsequent in allen Bereichen weiterentwickelt. Früh hat sie zudem auf Digitalisierung gesetzt, um Arbeitsabläufe stetig zu optimieren. Zugleich kann sie damit auch der nachwachsenden Generation attraktive Arbeitsplätze bieten. Denn wie die meisten Arbeitgeber spürt auch sie den Fachkräftemangel – und die veränderten Ansprüche junger Menschen. Und daher verlangt sie von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht nur Engagement, sondern hat ihnen auch einiges dafür zu bieten. Sie legt außerdem großen Wert auf die richtige Zusammensetzung ihres Teams und eine Arbeitskultur, in der man Lösungen gemeinsam erarbeitet.

Und so konnte die Störk GmbH in den vergangenen Jahren bereits einige Herausforderungen erfolgreich meistern: Hochwasser, Bankenkrise, Kundenpleiten. Die Corona-Krise erfordert erneut einige Anpassungen im alltäglichen Arbeiten, aber die Firma selbst ist stabil. Was die eigene Nachfolge betrifft, so ist Cordula Schmude überzeugt: Die Übergabe eines Unternehmens benötigt Zeit, wenn man es richtig machen möchte.

Wichtige Regeln zum Resturlaub

Der Sommer ist da und mit ihm die Urlaubszeit. Damit jeder Mitarbeiter seine freien Wochen so nutzen kann, wie es sich am besten mit dem betrieblichen und privaten Terminkalender vereinbaren lässt, ist viel Abstimmung und guter Wille nötig. Denn nach dem Bundesurlaubsgesetz muss Resturlaub grundsätzlich bis zum Jahresende genommen werden. Was aber, wenn das nicht möglich ist? Diese Regeln gelten bei Übertragung und Auszahlung von restlichen Urlaubstagen.

Es ist ein unter Arbeitnehmern weit verbreiteter Irrtum, dass Jahresurlaubstage immer auch noch im ersten Quartal des Folgejahres angetreten werden können. Grundsätzlich muss der Jahresurlaub bis zum Jahresende genommen werden. Geschieht das nicht, verfällt er ersatzlos. Eine Übertragung ist nur in wenigen Ausnahmefällen möglich, die im Folgenden erläutert werden. Nicht selten gibt es in der Belegschaft viele verschiedene Wünsche:

Ein Mitarbeiter möchte den kompletten Urlaub ansparen, um im nächsten Jahr eine ausgedehnte Reise zu machen. Ein anderer bittet, ihm seinen Urlaub auszuzahlen, weil er gerade jeden Euro ins neue Eigenheim steckt. Der Arbeitgeber muss bei der Urlaubsplanung die Belange der Firma im Blick behalten, für Fairness unter den Mitarbeitern sorgen und wissen, dass nicht alles für ihn risikolos umzusetzen ist.

Risiko Auszahlung und Abgeltung für Resturlaub

Das Arbeitsrecht erlaubt das Auszahlen des Urlaubs eigentlich nur in einem einzigen Fall, und zwar wenn der Urlaub ganz oder teilweise nicht genommen werden kann, weil das Arbeitsverhältnis endet.

Der Anspruch auf Auszahlung wird mit dem Ausscheiden des Mitarbeiters fällig. Er verfällt – wie der Urlaubsanspruch – spätestens 15 Monate nach Ablauf des Jahres, aus dem der Urlaub stammt. In der Praxis sieht es allerdings häufig anders aus: Mitarbeiter bitten um die Auszahlung ihres Urlaubs oder der Arbeitgeber schlägt Urlaubsabgeltung vor, um nicht auf seine Arbeitskräfte verzichten zu müssen. Das funktioniert, solange sich beide Parteien an die Abmachung halten. Rechtlich hingegen ist die Lage eindeutig: Durch die Auszahlung wird der Urlaubsanspruch nicht erfüllt. Der betreffende Mitarbeiter könnte deshalb die ausgezahlten Urlaubstage noch einmal einfordern, und hätte im Streitfall gute Chancen vor Gericht.

Resturlaub ins Folgejahr

Grundsätzlich ist der Jahresurlaub bis zum Jahresende anzutreten. Eine Übertragung ins nächste Jahr ist nur möglich, wenn er aus dringenden betrieblichen oder persönlichen Gründen nicht eingelöst werden kann. Ausschließlich Mitarbeiter, die erst in der zweiten Jahreshälfte ins Unternehmen eingetreten sind, dürfen die Urlaubsübertragung auch ohne besonderen Grund verlangen. Ins Folgejahr übernommener Urlaub muss in den ersten drei Monaten gegeben und genommen werden. Am 31. März verfällt er ersatzlos – außer Vorgesetzter und Mitarbeiter vereinbaren eine Übertragung darüber hinaus.

Die klassischen Ausnahmen – alles geregelt

Mit dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 19. Februar 2019 unter Berücksichtigung von EU-Recht sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, ihre Mitarbeiter über den drohenden Verfall von Urlaubstagen zu informieren. Bis wann und in welcher Form der Hinweis genau erfolgen muss, wurde offengelassen; der Arbeitgeber ist aber verpflichtet „klar und rechtzeitig“ darauf hinzuweisen. Fehlt ein Arbeitnehmer wegen langer Krankheit, entsteht trotzdem ein Urlaubsanspruch. Selbst wenn er das komplette Jahr krank war, kann der Arbeitnehmer dafür den gesamten Jahresurlaub beanspruchen.

Dieser Resturlaub verfällt spätestens 15 Monate nach Ablauf des Arbeitsjahres, in dem er erworben wurde. Geht ein Angestellter in Elternzeit, verfällt nicht angetretener Urlaub nicht mit dem Jahresende. Urlaubstage, die vor der Elternzeit nicht genommen werden konnten, stehen der Person nach der Elternzeit im laufenden oder darauffolgenden Urlaubsjahr zu. Selbst wenn sich wegen einer weiteren Geburt nahtlos eine zweite Elternzeit anschließt, verfällt der alte Urlaub nicht. Endet das Arbeitsverhältnis in der Elternzeit oder wird es im Anschluss an die Elternzeit nicht fortgesetzt, muss der Resturlaub durch den Arbeitgeber ausgezahlt werden.

Zusätzliche Urlaubstage – eigene Regeln

Gut zu wissen: das Gesetz und die Rechtsprechung betreffen nur den gesetzlichen Urlaubsanspruch sowie den gesetzlichen Zusatzurlaub für Schwerbehinderte. Arbeitnehmer haben einen generellen gesetzlichen Anspruch auf einen jährlichen Mindesturlaub, der im Bundesurlaubsgesetz geregelt ist. Dieser beträgt bei einer 6-tage-Woche (also Montag bis einschließlich Samstag) 24 Werktage bzw. bei einer 5-Tage-Woche (Montag bis einschließlich Freitag) 20 Arbeitstage. Hat ein Arbeitgeber mit seinen Mitarbeitern mehr als die gesetzlichen Urlaubstage vereinbart, kann er für diese tage auch eine kürzere Verfallsfrist vorgeben.

Alles Wissenswerte zum Thema Urlaubstage sowie hilfreiche Werkzeuge zur Urlaubsplanung finden sich auf www.lexware.de

Genug Neugründer für die Nachfolgerlücke?

Das Institut für Mittelstandsforschung IfM in Bonn befasste sich in einer Studie intensiv mit dem Thema Unternehmensnachfolge. Das Ergerbnis: Neugründung- und Übernahmeplaner unterscheiden sich vor allem in organisationalen Aspekten der Gründungspläne.

Das IfM konnte vier zentrale Merkmale identifiziert werden, die sich auf die Wahrscheinlichkeit, ein Unternehmen übernehmen statt eines neu gründen zu wollen, auswirken. Diese Faktoren liegen in den Bereichen Humankapital (Branchenerfahrung), soziodemografische Merkmale (Geschlecht) sowie organisationale Aspekte der Gründungspläne (Gründungsidee, Vollerwerbsgründung). Den stärksten positiven Einfluss auf den Plan, ein Unternehmen zu übernehmen, hat das Geschlecht des Gründungswilligen. So steigt die Wahrscheinlichkeit des Gründungsplans „Übernahme“ bei Männern im Vergleich um 5,3 Prozentpunkte. Im Merkmal Geschlecht spiegeln sich also wahrscheinlich stärker sozio-kulturell geprägte und tradierte Unterschiede wider denn biologische oder „natürliche“.

Den stärksten negativen Einfluss auf den Plan, ein Unternehmen zu übernehmen, hat die Existenz einer Gründungsidee. Gründungswillige, die bereits eine Geschäftsidee haben, streben mit einer um 6,2 Prozentpunkte geringeren Wahrscheinlichkeit eine Unternehmensübernahme anstelle einer Neugründung an. Dieser Einfluss ist insofern nicht überraschend, als bei einer Übernahme i.d.R. eine vorhandene Geschäftsidee gekauft wird, während bei einer Neugründung die Geschäftsidee eine notwendige Voraussetzung darstellt.

Unterschiede der Gründungspläne

Gründungswillige, die bei der Erstbefragung angegeben haben, eine Neugründung anzustreben, haben rund zehn Monate später ihre Gründungspläne signifikant häufiger realisiert als Gründungswillige, die ursprünglich eine Unternehmensübernahme planten (40,1 % vs. 24,2 %). Bei den Gründungsinteressierten, die eine Übernahme beabsichtigten, hat die Hälfte den Plan geändert und stattdessen ein Unternehmen gegründet. Der Wechsel der Gründungspläne liegt vermutlich in den unterschiedlichen Bedingungen und Anforderungen einer Übernahme und einer Neugründung begründet. Aus der Nachfolgeforschung vorliegende Befunde legen die Vermutung nahe, dass bei der Realisierung einer Übernahme größere Hürden zu überwinden sind als bei einer Neugründung, so dass sich einige Übernahmewillige vor die Alternativen gestellt sehen, die geplante Selbstständigkeit ganz aufzugeben, auf eine Neugründung auszuweichen oder noch mehr Zeit in die Vorbereitung der Übernahme zu investieren.

KI-Startups unter der Lupe

Studie beleuchtet das Startup-Ökosystem in Deutschland: Analyse von Branchen, Produkten, regionaler Verteilung und Finanzierung, Vergleich des Standorts Deutschland mit dem Best-Practice Ökosystem Israel, Impulse für die Debatte um ethische Fragen und Grenzen beim Einsatz von KI.

Startups bringen Künstliche Intelligenz (KI) in die Anwendung: Gut 40 Prozent der deutschen Startups sagen, dass KI einen (sehr) großen Einfluss auf ihr Geschäftsmodell hat – eine Steigerung um knapp 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit setzt ein großer Teil der deutschen Gründer*innen und Gründer auf KI.

KI ist eine der Schlüsseltechnologien für die digitale Zukunft. Startups treiben diese Innovationen maßgeblich voran und nehmen eine wichtige Rolle bei der Stärkung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit ein.

Grund genug, genauer hinzuschauen und herauszufinden, wo deutsche Startups bei KI wirklich stehen. Daher veröffentlichen der Bundesverband Deutsche Startups e.V. und hubraum, der Tech-Inkubator der Deutschen Telekom die Studie „Künstliche Intelligenz – wo stehen deutsche Startups?“. Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Startup-Verbandes, dazu: „Mit dem Rettungspaket für Startups hat die Politik zwar kurzfristig reagiert – doch nun braucht es Visionen für neue Wachstumsimpulse. Künstliche Intelligenz muss dabei ein fundamentaler Bestandteil sein.“Unterstützt wurde das Projekt zudem vom Institute for Applied AI der Hochschule der Medien in Stuttgart und dem KI Bundesverband. Die sechs Kernergebnisse der Studie sind:

  1. KI-Startups sind Innovatoren für die deutsche Wirtschaft: 74 Prozent kooperieren mit etablierten Unternehmen – im allgemeinen Durchschnitt sind es nur 67 Prozent.
  2. Transfer aus der KI-Forschung in die Praxis ist ausbaufähig: Der Vergleich mit dem Top-Ökosystem Israel zeigt, dass es in Deutschland trotz eines hohen Forschungsoutputs im Bereich KI noch zu wenige KI-Startups gibt.
  3. Fokus auf B2B aber viele unbesetzte Anwendungsfelder: 63 Prozent der deutschen KI-Startups haben einen klaren Fokus auf Geschäftskunden und richten sich stark an den Bedürfnissen der heimischen Industrie aus. So sind viele wichtige Anwendungsfelder wie Bildung oder Cybersecurity bisher kaum besetzt.
  4. Technik im Mittelpunkt: Während sich israelische Startups stark auf die Entwicklung von Lösungen in konkreten Branchen oder Funktionsbereichen (Vertrieb, Personalwesen) konzentrieren, werden hierzulande Geschäftsmodelle häufiger ausgehend von den technischen Möglichkeiten der Datenanalyse entwickelt.
  5. KI-Startups benötigen mehr Kapital: Weit mehr als jedes zweite KI-Startup (58 Prozent) möchte sich durch Venture Capital finanzieren – bisher haben aber nur 21 Prozent Wagniskapital erhalten. In Israel sind die Investitionen in KI-Startups pro Kopf etwa 30 Mal so hoch wie in Deutschland.
  6. Startups plädieren für stärkeren Praxisbezug ethischer Debatten: Das Thema Ethik und die Grenzen des Einsatzes von KI spielen für das Startup-Ökosystem in Deutschland eine wichtige Rolle. Startups wünschen sich dabei vor allem eine Versachlichung der Debatte und einen stärkeren Fokus auf konkrete Anwendungsfelder.

Start-up-Rocket im Sinkflug

Der Startup-Investor Rocket Internet gibt den Knock-Out-Call! Dazu sollen alle freien Aktien eingezogen werden. „Going Private“ ist die englische Bezeichnung für den Rückzug von der Börse.

In seltener Offenheit gab Oliver Samwer zu, dass es an neuen vielversprechenden Ventures aus seiner Start-up-Fabrik gerade mangelte („Die Pipeline ist ein bisschen dünn“) und bemühte sich einmal mehr, das Konzept hinter Rocket Internet den Anteilseignern zu erklären („Wir machen dasselbe seit 2008, wir suchen Ideen“ ).

Mit Zalando, Hellofresh oder Delivery Hero haben die Berliner -Gründer: Oliver Samwer, Alexander Samwer, Marc Samwer in den vergangenen Jahren immer wieder ihre Nase unter Beweis gestellt, Umsatz 2,2 Milliarden EUR (2016). Der Verkauf der eigenen Anteile spülte Rocket Milliarden in die Kassen. Allerdings fehlten in der Folge die zündenden Ideen für die nächste Generation an Start-ups (capital).

Die Aktien von Samwers Global Founders GmbH und seine persönlich gehaltenen Aktien, insgesamt ein Anteil von knapp unter 49 Prozent, werden nicht erworben, Stattdessen sollen die erworbenen Aktien eingezogen werden, so dass am Ende nur noch die Samwer-Aktien übrig bleiben.

Was künftig aus Rocket Internet wird, darüber gibt es allerhand Spekulationen. Samwer schien auch in den vergangenen Jahren zunehmend das Interesse an Internet-Start-Ups zu verlieren. Schon im Juni 2019 hatte Rocket Internet seinen Geschäftszweck auf Immobilien erweitert. Laut Medienberichten besaß das Samwer.Imperium Anfang des Jahres in Berlin Immobilien im Wert von mindestens 150 Millionen Euro. Im Juni dieses Jahres schied Oliver Samwer dann aus dem Aufsichtsrat des Modehändlers Zalando aus, mit dessen Namen Rocket Internet stark verbunden ist. (FAZ)

2014 war die Firma von Oliver Samwer, die ein Brutkasten für Start-ups wie Hello Fresh sein will, mit 42,50 Euro pro Aktie an die Börse gegangen. Nun will Samwer sie für 18,57 Euro zurückkaufen und von der Börse nehmen. So schnell kann man sein Vermögen halbieren.

Großaktionär Samwer wird damit durchkommen.Denn die Regeln schreiben nur vor, dass sein Angebot dem Durchschnittskurs der vergangenen sechs Monate entspricht. Geschickt nutzt der großmäulige Gründer („Ich bin der aggressivste Internet-Manager der Welt“) den Börsencrash auf dem Höhepunkt der Corona-Krise aus. Das erinnert alles an die Zocker vom Neuen Markt, der vor 20 Jahren zusammenbrach. (rp-online)

Privates Geld vom Investor

Die Achterbahnfahrt des Christoph Gerlinger: Die von Politikern in Sonntagsreden stets hochgelobte Startup-Szene erweist sich bei genauerer Betrachtung oftmals als große Blase, aufgebläht von Sprüche klopfenden Youngsters, den die Strategen in den Family-Offices der Milliardärs-Klasse lieb gern ihr Geld anvertraut, das bei den Hoffnungsträgern der zukünftigen Wirtschaft – vor wie in der Corona-Krise – in beste Hände zu liegen scheint. Doch nun verkündet ein Insider und eifriger Akteur der deutschen Startup-Szene seinen Ausstieg: Christoph Gerlinger. Seine „German Startups Group“ wechselt vom börsennotierten Wagniskapitalgeber zu einem Private-Equity-Investor. Fortan spielt der Ex-Gründer in der Champions Liga der Investment-Branche mit, deren Namen die Schlagzeilen in der internationalen Finanzpresse zieren: KKR, Blackstone, Permira oder EQT zählen unter vielen anderen dazu. Von EQT ist der Deal mit Enchilada oder BackWerk noch in bester Erinnerung der Franchise-Szene. Auch künftige dürften die Scouts etwa der Partners Group in der Schweiz den Büros den Analysten weitere zur Beteiligung reifen Franchise-Systemen sowie den übrigen Hidden Champions im Mittelstand geben, wie es unlängst mit KAMPS oder Nordsee passierte.

Berlin, Singapur, Frankfurt

Auf solche Deals will sich nunmehr auch Christoph Gerlinger kaprizieren. Die 2012 gegründete German Startups Group (GSG), bislang ein führender Venture Capital-Investor in Deutschland, fusioniert vorbehaltlich der Zustimmung ihrer Hauptversammlung am 7. August 2020 mit SGT Capital Pte. Ltd., einem globalen Alternative Investment- und Private Equity-Asset Manager mit Hauptsitz in Singapur und Ländergesellschaft in Frankfurt am Main. mehr

Goodbye Startups, hello Private-Equity

Die von Politikern in Sonntagsreden stets hochgelobte Startup-Szene erweist sich bei genauerer Betrachtung oftmals als große Blase, aufgebläht von Sprüche klopfenden Youngsters, den die Strategen in den Family-Offices der Milliardärs-Klasse lieb gern ihr Geld anvertraut, das bei den Hoffnungsträgern der zukünftigen Wirtschaft – vor wie in der Corona-Krise – in beste Hände zu liegen scheint. Doch nun verkündet ein Insider und eifriger Akteur der deutschen Startup-Szene seinen Ausstieg: Christoph Gerlinger. Seine „German Startups Group“ wechselt vom börsennotierten Wagniskapitalgeber zu einem Private-Equity-Investor. Fortan spielt der Ex-Gründer in der Champions Liga der Investment-Branche mit, deren Namen die Schlagzeilen in der internationalen Finanzpresse zieren: KKR, Blackstone, Permira oder EQT zählen unter vielen anderen dazu. Von EQT ist der Deal mit Enchilada oder BackWerk noch in bester Erinnerung der Franchise-Szene. Auch künftige dürften die Scouts etwa der Partners Group in der Schweiz den Büros den Analysten weitere zur Beteiligung reifen Franchise-Systemen sowie den übrigen Hidden Champions im Mittelstand geben, wie es unlängst mit KAMPS oder Nordsee passierte.

Berlin, Singapur, Frankfurt

Auf solche Deals will sich nunmehr auch Christoph Gerlinger kaprizieren. Die 2012 gegründete German Startups Group (GSG), bislang ein führender Venture Capital-Investor in Deutschland, fusioniert vorbehaltlich der Zustimmung ihrer Hauptversammlung am 7. August 2020 mit SGT Capital Pte. Ltd., einem globalen Alternative Investment- und Private Equity-Asset Manager mit Hauptsitz in Singapur und Ländergesellschaft in Frankfurt am Main. Mit Abschluss der Fusion wird das zusammengeführte Unternehmen in SGT German Private Equity GmbH & Co. KGaA umfirmieren und ihren Sitz nach Frankfurt am Main verlegen Das benötigte Spielgeld im Firmen-Monopoly sollen Anleger aufbringen, die ihr Erspartes einem neu aufgelegten Fond anvertrauen. Dabei greift Gerlinger noch nicht mal in die Vollen – 1 bis 3,5 Milliarden Euro sollen in der ersten Runden zusammenkommen. Zum Vergleich: EQT verwaltet ein Vermögen von 44 Milliarden Dollar. Im Fokus künftiger Beteiligungen liegen Technik und Gesundheit.

GSG, Wiwo, CDU

Christoph Gerlinger, Jahrgang 1967, zeichnete die Wirtschaftswoche 20o6 als profilierten deutschen Risikokapitalgeber und Internetunternehmer aus und im Experten-Beirat der CDU für Digitalisierung bringt er sein Wissen ein. Gerlinger, der mit dem Börsengang seiner German Startups Group (GSG) vor zwei Dekaden zum Star der Berliner Start-up-Szene avancierte, zieht nun eine ernüchternde Bilanz. Sein Geschäftsmodell habe letztlich nur Verlust gemacht, vertraute er der FAZ an. „Der Börsenwert habe nie den Wert der Beteiligungen etwa der Essensplattform Delivery Hero, den Online-Händler Mr. Spex mit Brillen und Chrono24 für Luxusuhren widergespiegelt.“ Diese Beteiligungen sollen nach und nach abgestoßen werden. Zur Disposition stehen auch das Online-Auktionshaus AutionTech, die Digitalagentur Exozet oder German Crypto Tech, dem ersten auf real existierenden Werten basierenden deutschen Token im weltweit boomenden Blockchain-Business.

Back to Roots

Mit der Sitzverlegung von der Spree an den Main kehrt Christoph Gerlinger an seine alte Wirkstätte zurück. Nach seinem Wirtschaftsstudium an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt am Main gründete er die Gerlinger & Partner GmbH, ein bis heute existentes Consulting-Büro. 1999 stieg der Betriebswirt und „qualifizierter Banker“ als Finanzvorstand bei der CDV Software Entertainment AG in Karlsruhe. Parallel zum Job wagte er eine weitere Gründung mit der Frogster Interactive Pictures AG, die 2006 an die Börse ging und vier Jahre darauf von einem Wettbewerber übernommen wurde. Nach einem zwölfmonatigen Intermezzo als General Manager von Atari Deutschland startete er im Mai 2012 mit der GSG, die ihren Sitz in Berlin hatte, falls die Aktionäre dazu erwartungsgemäß nicken.

Für Gerlinger und seine Kompagnons ist die Sache freilich jetzt schon klar: „Für den Sitz der Holding wurde in Anbetracht eines angestrebten Investmentschwerpunkts in Europa, des Brexits und des Standorts der GSG in Deutschland Frankfurt am Main gewählt, wo bereits seit Mai 2020 eine Niederlassung unterhalten wird.“ Finanziell herrscht trotz Startups-Debakel klar Schiff: „Die German Startups Group hat zur Vorbereitung auf die Transaktion noch im ersten Halbjahr 2020 ihre sämtlichen Minderheitsbeteiligungen in ihre hundertprozentige Tochtergesellschaft German Startups Group VC GmbH ausgegliedert und ihre gesamte ausstehende Wandelanleihe in Höhe eines Nominalwerts von 3 Millionen Euro zurückerworben und damit ihre sämtlichen verbliebenen Finanzschulden getilgt.“

INFO

Start-up City Berlin

Der 2012 gegründete Bundesverband Deutsche Startups schätzt die Zahl der Start-ups auf rund 9.000. Nicht jede Existenzgründung ist ein Start-up. Für den Verband zählen Firmen als Start-up, wenn sie jünger als zehn Jahre sind, ihre Geschäftsidee innovativ und skalierbar ist, also Wachstumspotenzial hat.

Die Rangliste der Gründungstätigkeit nach Bundesländern führt Berlin an. In der Kapitale haben im Durchschnitt der Jahre 2017 – 2019 von 10.000 Erwerbsfähigen jährlich 198 Personen eine selbstständige Tätigkeit begonnen. Brandenburg tauscht mit Hamburg den Platz und liegt erstmals an zweiter Stelle (155 Existenzgründungen pro 10.000 Erwerbsfähigen). Es ist zu vermuten, dass die überdurchschnittliche Gründungstätigkeit in Berlin in dessen Peripherie ausstrahlt, weil Gründerinnen und Gründer ihre Stand- oder Wohnorte beispielsweise kostenbedingt in den „Speckgürtel“ verlagern. Davon profitiert Brandenburg direkt. Hamburg kann mit 122 Gründungen je 10.000 Erwerbsfähige knapp Platz 3 vor Bayern mit 121 Gründungen behaupten.

Unabhängig vom Ranking tobt in der Startup-Szene ein Richtungskampf – Geschäftsideen mit App-Gimmicks im B-to-C-Business oder ein Schwerpunkt auf HighTech. Im Gründerzentrum Berlin Adlersdorf stellt sich diese Alternative nicht, hier werden technologische Neuerungen für den B-to-B-Geschäft präferiert. „Wir wollen Wissenschaft, Unternehmen und Start-ups vernetzen“, sagt Wista-Geschäftsführer Roland Sillmann im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung (SZ), in unserem Gründungszentrum sind mehr als 90 Unternehmen ansässig“. Sein Credo: „Wir machen hier Hightech. Wir haben wenig gemein mit den Cappuccino-Trinkern aus Mitte. Wir wollen, dass Berlin wieder ein Industriestandort wird.“ – Mit Christoph Gerlinger verabschiedet sich nun ein Mann aus Mitte.

Notgründungen steigen sprunghaft

Millionen Deutsche bangen um ihren Job und müssen sich in Folge von Pandemie und Lockdown beruflich völlig neu orientieren. Bereits jetzt steigt die Anzahl der Notgründungen sprunghaft. Das Problem: Eine Existenzgründung bedarf eines gründlichen Businessplans, entsprechenden Startkapitals, professioneller Beratung und einer erfolgversprechenden Geschäftsidee. Aber die Masse der Gründer versucht es immer noch auf eigene Faust, übernimmt bestenfalls ein etabliertes Geschäft oder dreht als Startup mit Blick auf die Börse am großen Investoren-Rad.

Dass Deutschland sich aber jetzt in ein Gründerland verwandelt, bleibt alternativlos: Experten erwarten bis Ende 2021 die größte Pleitewelle in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf bis zu 21.000 Fälle könnte die Zahl der Insolvenzen ansteigen, so aktuell das Handelsblatt. mehr

Gründerwelle in Deutschland

Millionen Deutsche bangen um ihren Job und müssen sich in Folge von Pandemie und Lockdown beruflich völlig neu orientieren. Bereits jetzt steigt die Anzahl der Notgründungen sprunghaft. Die Nachfrage nach bewährten Geschäftsideen vermag aber die darauf spezialisierte Franchise-Industrie nur bedingt befriedigen und verpasst womöglich eine Jahrhundert-Chance. Denn die Masse der Gründer versucht es immer noch auf eigne Faust, übernimmt bestenfalls ein etabliertes Geschäft oder dreht als Startup mit Blick auf die Börse am großen Investoren-Rad. Ob sich so Deutschland in ein Gründerland verwandelt, steht dahin, bleibt aber alternativlos.

Alice Schmidt ist seit dem Jahreswechsel 2019 / 2020 ihr eigener Chef. Statt weiter bei den Ford-Werken in Köln als Disponentin zu wirken, lebt sie ihren Traum von der Selbständigkeit. Bei der Suche nach einem Geschäftskonzept wurde die passionierte Teetrinkerin mit der Übernahme eines bereits eingeführten Fachgeschäftes in dem 45.000 Einwohner zählenden Städtchen Monheim am Rhein fündig. Anfang März 2020 wurde das neu drapierte Teehaus am Rathaus wieder geöffnet. Dann folgte der Lockdown und die Ladentür blieb für Wochen zugesperrt. Seit dem 20 April ist das Teehaus wieder geöffnet. Unter Beachtung des strikten Distanz-Kodex im Kundenkontakt spricht Jungunternehmerin Schmidt die Kundschaft mit ihrem Sortiment an: „Erlesene Teesorten, leckere Pralinen, Feinkost etwa Jordan Olivenöl und regionale Spezialitäten und schöne Accessoires rund ums Thema Tee. Auch der besondere Kaffee darf ebenso nicht fehlen wie nun auch erlesene Weinsorten. Ein kleines Schlaraffenland für Connaisseurs im Herzen der Stadt. Die kreative Geschäftsfrau suchte sie aber auch in der geschäftlichen Zwangspause ihre Chance. „Die Corona-Krise hat uns vor besondere Aufgaben gestellt, die uns auf neue Ideen gebracht haben. Der Lieferdienst mit einem extra für das Geschäft erworbenen Fahrrad hat sehr gut innerhalb Monheims funktioniert, sodass wir schöne Tees, Geschenksets oder Feinkost bis vor die Haustür unserer lieben Kunden liefern konnten.“

Millionen mit Geister-Restaurants

Während Alice Schmidt im klassischen Einzelhandel ihre Zukunft sieht, haben Sebastian Klein und Robin Steps aus dem Startup-Mekka Berlin mit Honest Food hochfliegende Pläne und scheffeln bereits Millionen mit Restaurants, die gar nicht existieren. Ihr Erfolgsgeheimnis: Das Startup beliefert sogenannte Ghost Restaurants. Hungrige Kunden können die Gerichte dieser Lokale auf Lieferplattformen wie Foodora und Lieferando bestellen. Zu Honest Food gehören Marken wie Blattgold, Baba Noni und Beste Freunde. In großen Produktionsküchen abseits der City werden die Gerichte unter optimierten Produktionsbedingungen vorbereitet und tiefgekühlt an Partnerrestaurants verschickt. Kommt bei einem der Gastro-Partner eine Bestellung für eine der Marken ein, tauen diese Saucen oder Fleisch auf und richten die Salate, Burritos und Burger mit frischen Zutaten an, um die Menüs anschließend auszuliefern.

Steps und Klein haben sich im Studium an der Uni Mannheim kennengelernt. Steps hat bereits diverse Food-Startups gegründet, darunter den Weinshop Vino24.de. Sein Mitgründer Klein hat zuvor für Alexander Samwer, einer der Lieferando-Mitgründer, dessen Photovoltaik-Startup Voltaro mit aufgebaut. Seit der Gründung von Honest Food im April 2017 haben die Unternehmer einen mittleren siebenstelligen Betrag von der Beteiligungsgesellschaft Good Brands und dem Vapiano-Gründer Gregor Gerlach aufgenommen. Zwei Jahre weiter: Der Berliner Lieferdienstvermittler Delivery Hero, der gerade erst den koreanischen Wettbewerber Woowa übernommen hat, kauft nun den Berliner Ghost Restaurant-Betreiber Honest Food. In der damit fälligen Ad-Hoc-Mitteilung heißt es. „Die Good Brands AG veräußert ihre Beteiligung an der Honest Food Company GmbH. Der Verkauf erfolgt im Rahmen einer vollständigen Übernahme aller Geschäftsanteile durch die Delivery Hero SE. Die Unterzeichnung der Kaufverträge erfolgte am 20. Dezember 2019.“ Noch im Sommer dieses Jahres investierten Index Ventures und der schwedische Kapitalgeber Creandum einen Millionenbetrag in den Ghost Restaurant-Betreiber.

Zwei Erfolgsgeschichten aus dem Kosmos der Gründer in Deutschland kurz vor der Corona-Krise Eine reibungslos vollzogene Übernahme eines etablierten Einzelhandelsgeschäftes im Zuge der Nachfolge und ein mit viel Profit-Fantasie ins Rennen um die Gunst von Anlegern und Kunden gelangtes Startup aus Berlin belegen den im Gründer-Kosmos angesagten Spagat. Der Trend ist ungebrochen. Seit Beginn der Corona-Pandemie wurden 300 Tech-Unternehmen in Deutschland gegründet – mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Jahr 2018 gab es 70.000 Start-ups und damit rund 10.000 mehr als im Jahr zuvor. Zum Vergleich der Deutsche Franchise-Verband e.V. (DFV) ermittelte, dass im Jahr 2019 in Deutschland etwa 133.424 (+4,2 Prozent) Franchisenehmer in 960 Franchise-Systemen selbständig sind.

Die Startup-Szene liegt im Fokus der Großinvestoren und ihrer Berater in den Family-Offices der bekannten Milliardärs Familien wie die den Quandts, Reimanns, Albrechts, aber auch bei Maschmeyer, Toeller oder Breuninger. Das Fashion- und Lifestyle-Unternehmen Breuninger wurde 1881 von Eduard Breuninger gegründet und zählt heute zu den führenden Multichannel-Department-Stores in Europa. Jüngst hat das Traditionsunternehmen aus Stuttgart in einen Startup investiert, das sich auf automatisierte Bildverarbeitungsprozesse im Modesegment spezialisiert hat: autoRetouch. Hinfort unterstützt Breuninger das Gründerteam des Startups bei der Weiterentwicklung und Verbreitung einer effizienten Technologiesoftware mit globaler Relevanz für den E-Commerce. „Mit der Entscheidung, autoRetouch als eigenständiges Unternehmen auszugründen und uns wirtschaftlich an einem Technologie-Startup zu beteiligen, entwickeln wir Breuninger als Unternehmen weiter und erschließen neue Themenfelder „, so Breuninger CEO Holger Blecker.

Angst vor dem Sprung ins Wasser

In den guten Zeiten der Vollbeschäftigung bis zur Corona-Krise zählten Existenzgründer abseits der High-Tech-Szene wie bei Breuninger eher zu den Exoten. Die auf ihre Work-Life-Balance fixierte Generation Y – im englischen Sprachgebrauch „why“ – scheute den Sprung ins kalte Wasser einer Selbständigkeit. Mehr noch: der Anteil an Gründern in Deutschland schmolz dahin wie Eis in der Mittagssonne. Die Fakten: Von 2001 bis 2018 sank die Anzahl der Gründer in Deutschland kontinuierlich. Im Jahr nach dem Millennium wagten es noch 1.538.000 Millionen Gründer. Zehn Jahre später (2011) hatte sich die Gründerszene nahezu halbiert: 835.000 Erstgründer. Im Jahr 2018 waren es mit 547.000 Gründern nur noch ein Drittel des Langzeit-Hochs von 2001 mit rund anderthalb Millionen Existenzgründern im Lande. Die Ursachen des dramatischen Rückgangs an Gründungswilligen, aber auch – fähigen jungen deutschen spürte der „Gründerreport 2018“ des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) auf. Danach sind Unausgereifte Geschäftsideen mit schwammigen Vorstellungen über die künftige Kundengruppe, unausgereifte Produkte und überhöhte Umsatzerwartungen häufig die Ursachen, dass Unternehmensgründungen nicht wie geplant zustande kommen oder die entsprechenden Firmen in der Frühphase scheitern.

Notgründungen liegen im Trend

Eine Wende im Gründergeschehen dokumentiert indes der aktuelle KfW-Gründungsmonitor 2020. Im Schatten der Pandemie registriert die mit der Finanzierung von Existenzgründern betraute Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erstmals seit fünf Jahren einen Anstieg der Gründungstätigkeit in Deutschland 2019.Die Zahl der Existenzgründungen ist auf 605.000 gestiegen (+58.000). Maßgeblich dafür war ein deutliches Plus bei den Nebenerwerbsgründungen, bei den Vollerwerbsgründungen ging es dagegen abwärts auf einen neuen Tiefpunkt. Dabei konnte die Zahl der Chancengründungen auf 439.000 überproportional zulegen. Auch internetbasierte und digitale Gründungen gab es deutlich mehr. Der Ausblick für die Gründungstätigkeit 2020 war positiv – die Corona-Pandemie verändert aber einiges. Viele Gründungspläne, von denen es erneut mehr gab, dürften nun verschoben werden. Allerdings sind krisenbedingt jedoch deutlich mehr Notgründungen zu erwarten.

Schwarzer Freitag reloaded

Mit der Pandemie wird spätestens zur Jahreswende die globale Wirtschaftskrise spürbar, die den Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse (NYSE) vom 25. Oktober 1929 als Auslöser der Weltwirtschaftskrise in den Schatten stellen könnte. Detlef Scheele, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), schenkte anlässlich seiner monatlichen Pressekonferenz Anfang Juli wenn auch klausuliert reinen Wein ein, was letztlich droht:„Die Arbeitslosenzahl ist von Mai auf Juni infolge der Corona-Krise deutlich gestiegen, wenn auch erneut schwächer als im Vormonat. Mit 2.853.000 liegt sie 40.000 höher als im Vormonat. Saisonbereinigt entspricht das einem Zuwachs um 69.000. Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Arbeitslosenzahl um 637.000 erhöht. Die Arbeitslosenquote steigt um 0,1 Prozentpunkte auf 6,2 Prozent und verzeichnet im Vergleich zum Juni des vorigen Jahres ein Plus von 1,3 Prozentpunkten.“

Die versteckte Arbeitslosigkeit trägt den Namen Kurzarbeit, die nach den Hiobsbotschaften aus vielen Konzernen – vom Mittelstand ganz zu schweigen – nahtlos im Jobverlust endet, wenn die Entlass-Ankündigungen von Karstadt bis zur Lufthansa auch alle zum Jahresende umgesetzt werden. Laut Scheele wurde vom 1. bis einschließlich 25. Juni für 342.000 Personen konjunkturelle Kurzarbeit angezeigt, nach 1,14 Millionen im Mai und zusammen: 10,66 Millionen im März und April. „Die Inanspruchnahme von Kurzarbeit lag damit weit über den Werten zur Zeit der Großen Rezession 2008/2009“, so Scheele.

Comeback der ICH-AG

Mit Auslauf der Kurzarbeit und Umsetzung der möglichst sozialverträglichen Entlass-Wellen im Handel, Tourismus und Automobil-Branche dürfte die Arbeitslosenquote auf 15 Prozent hochschnellen Dann stünde ein Millionenheer bestens ausgebildeter Angestellter, dank eigener Rücklagen und Vermögen sowie einer satten Abfindung finanziell für den Moment abgesichert, letztlich aber doch auf der Straße. Was nun? Job suchen oder selbst gründen, so heißt die Alternative.

Notgründungen zählen dann zur neuen Normalität. Denn die vom „Shakeout“ nach dem „Lockout“ gebeutelten Branchen werden gemessen an den Jobs weiter schrumpfen und bieten ihren bisherigen Mitarbeitern keine Chance. Die Masse der Entlassenen muss sich völlig neu orientieren. Jetzt gilt es die Ärmel hochkrempeln und sich aus der Wohlfühlt-Oase den großen Konzernen endgültig zu verabschieden und einen Neuanfang im Kleingewerbe und in der Solo-Selbständigkeit zu suchen. Nach dem Brüssler EU-Marathon zur Krisenbewältigung der von der Pandemie gebeutelten Mitgliedsstaaten, stellt sich auf nationaler Ebene schon für Wirtschaftsminister Peter Altmaier und seinem für Arbeit und Soziales zuständigen Ministerkollegen Hubertus Heil alsbald die nächste Herkulesaufgabe. Wie soll mit dem sich ankündigenden Heer an Arbeitslosen umgegangen werden?

Die beiden Bundesminister könnten auf ein Comeback der ICH AG setzen, Relikt aus der einst von Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Leben „Hartz – Kommission“. Zwischen 2003 und 2006 half das Förderprogramm rund 400.000 Existenzgründern über die ersten Hürden. Denn die Gründung eines eigenen Unternehmens ist vor allem für Arbeitslosengeldempfänger oft mit vielen Hürden verbunden. Daher unterstützt die Bundesagentur für Arbeit mit verschiedenen Förderprogrammen Arbeitslose auf dem Weg in die Selbständigkeit. Die Förderung wurde nur bei einem Gewinn bis max. 25.000 Euro pro Jahr gewährt. Wurde diese Einkommensgrenze überschritten so entfiel eine zukünftige Förderung. Bereits gewährte Förderungen mussten nicht zurückgezahlt werden. Seit 2006 gibt es nur noch Geld vom Staat, wenn der Gründer tatsächlich arbeitslos ist, noch einen Restanspruch von 150 Tagen Arbeitslosengeld hat und ein geprüftes und hinreichend erfolgversprechendes Unternehmenskonzept vorweisen kann. An einer aussichtsreichen Gründungsidee herrscht aber durchweg Mangel.

Nachtschichten für Franchise-Manager

Dennoch müssen sich mindestens 10 Millionen Deutsche beruflich völlig neu orientieren und einen soliden Businessplan entwerfen, die die Banker letztlich überzeugt und dann erst den Hahn öffnet für die staatlichen Fördermittel. Die Zahl der jetzt schon einsetzenden Notgründungen dürfte ab Herbst förmlich explodieren Die von cleveren Existenzgründungsberatern ohne Franchise-Kenntnis derzeit schon als Strohhalm angepriesene Zahl von 1.000 Franchise-Geschäftsidee dürfte sich bei einem harten Faktencheck als Fata Morgana erweisen – allenfalls 400 Franchise-Systeme sind zukunftsfähig und dazu expansiv. Das Geschäft mit den Geschäftsideen dürfte wie schon zu den hohen Zeiten des Multi-Level-Franchisings unseriöse Marktakteure in den 80ziger Jahren des letzten Jahrhunderts anlocken.

Für den weitaus größeren seriösen Teil der Franchisewirtschaft heißt es somit, die Spreu vom Weizen unter den Franchise-Aspiranten schnell und zielsicher zu trennen, und zu klären ob die Interessenten wirklich das Zeug zu einem haben, der das Rad nach vorn drehen und nicht erst neu erfinden will. Bei der anstehenden Besetzung der verbliebenen weißen Flecken auf der Vertriebs-Landkarte oder die Neubesetzung freiwerdender Standorte von Franchisenehmern, denen nur bis Oktober eine Gnadenfrist verbleibt, um ihre Insolvenz beim Amtsgericht anzumelden, müssten Franchise-Manager deshalb wohl Nachschichten einlegen. Denn mangels solider Geschäftsideen wird ein Run auf Franchising einsetzen, um die Notgründung zu optimieren. Die Leads werden also sprunghaft steigen und die Qualifizierung der Kandidaten wird die personellen Ressourcen in den revitalisierten Franchise-Zentralen vielfach überfordern. Dann gilt es, ob sich die bittere Erfahrung der IHK´s und Gründerzentren mit ihren tausendfach im Sande verlaufenden Kontaktgesprächen wiederholt. Die Franchise-Wirtschaft würde damit allerdings den jetzt möglichen großen Sprung nach vorn verpassen. Feststeht: Die nächste Jahrhundert-Chance für einen nationalen Franchise-Boom wird so schnell hoffentlich nicht wiederkommen.

Erfindergeist ist Teil unserer Kultur

Was treibt uns Menschen eigentlich an? Ein Startup-Gründer und ein Wissenschaftler über Innovation, Mobilität und den Grund dafür, dass uns nicht so schnell die Puste ausgeht: Ein Schulterblick von GründerMagazin über spannende Gründungen.

Johannes Krause ist Professor für Archäogenetik und beschäftigt sich mit Menschen und Migration in der Frühgeschichte. Startup Gründer Marcus Rochlitzer erfindet im thüringischen Mühlhausen mit dem „cyfly“ im wahrsten Sinne das Rad neu. Ein ungewöhnliches Gespräch über das, was uns bewegt und einen Entwicklungsstandort, der sowohl Geschichte als auch jede Menge Perspektive hat.

Herr Krause, das Forschungsfeld der Archäogenetik dürfte nur sehr wenigen Menschen ein Begriff sein. Was genau tun Sie und was grenzt das Feld von der Archäologie ab?

Johannes Krause: In der Vorgeschichte gibt es leider nur sehr wenig Informationen darüber, wo unsere Vorfahren herkamen oder welche Migrationsbewegungen es gab. Die Archäologie klärt diese Fragen mithilfe von archäologischen Funden wie Scherben und Keramik. Welche Korrelationen es allerdings zwischen kultureller und biologischer Veränderung gab, lässt sich so jedoch schwer feststellen. Die Archäogenetik untersucht deshalb Skelette aus der Vergangenheit auf ihre menschliche DNA und die DNA von Krankheitserregern und kann so Fragen zur Menschheitsgeschichte anhand von disktreten naturwissenschaftlichen Daten angehen. Wir machen also eine Art genetische Reise in die Vergangenheit, indem wir nicht extrapolieren, sondern schauen wie der Mensch vor 5.000 oder 10.000 Jahren tatsächlich aussah, woher er stammte, wie er sich veränderte und welche kulturellen Anpassungen damit einhergingen.

Herr Rochlitzer, Ihr Blick ist nach vorn gerichtet. Als Ingenieur und Entwickler haben Sie einen neuen Antrieb für das Fahrrad erfunden. Erlauben Sie bitte die Frage, warum das überhaupt nötig ist.

Marcus Rochlitzer: Wir haben uns während der Entwicklung von „cyfly“ intensiv mit der medizinischen Seite des Radfahrens auseinandergesetzt: mit Bewegungsabläufen, Ergonomie und Mechanik des menschlichen Körpers. Uns ist klargeworden, dass die Beine des Menschen im Prinzip nicht dafür konzipiert sind, die Kreisbewegung auszuführen, die wir auf einem Fahrrad mit klassischer Tretkurbel haben. Wir haben daher ein neues Hebelwerk an den Pedalen entwickelt, welches das Treten beim Fahrradfahren erleichtert und für mehr Drehmoment sorgt

Welche Faktoren treiben uns Menschen denn eigentlich zu solchen Innovationen an, Herr Krause?

Johannes Krause: Erfindergeist und Innovation wohnen dem Menschen inne und sind Teil unserer Kultur. Die Frage ist nur wie schnell die Entwicklung voranschreitet. In der Steinzeit beispielsweise haben die Menschen über einen Zeitraum von 12.000 Jahren kleine Venusstatuetten geschnitzt – stellen Sie sich mal vor, Da Vinci hätte 12.000 Jahre lang nur die Mona Lisa gemalt. Heute ist das natürlich anders. Das liegt daran, dass man neben externen Faktoren eine gewisse Bevölkerungsdichte braucht, um Fortschritt überhaupt vorantreiben zu können. Erst in stabilen, komplexen Gesellschaften auf engem Raum entwickeln sich Spezialisten denen man bestimmte Aufgaben überträgt, die sie ein Leben lang weiterentwickeln.

Wie lange gibt es denn schon Räder oder ähnliche Vehikel?

Johannes Krause: Die ältesten Räder in Europa sind in etwa vor 5500 Jahren entstanden, wobei unklar ist, ob sie aus dem Nahen Osten, Europa oder der asiatischen Steppe kamen. Die ersten Wagen wurden noch von Bullen gezogen, ab etwa der Mitte der Bronzezeit vor ca. 3500 Jahren entwickelten sich Pferdewagen. Die ganz großen Revolutionen kommen dann bekanntlich mit der Industrialisierung, als sich mit der Dampfmaschine, der Eisenbahn und später auch dem Fahrrad und dem Automobil alles noch einmal sensationell verändert.

Sie beide beschäftigen sich mit dem Thema Mobilität. Sie, Herr Krause, in der Forschung zu Migrationsbewegungen, Herr Rochlitzer hingegen im sportlichen Kontext. Was fasziniert Sie jeweils an dem Thema?

Johannes Krause: Wir Menschen sind seit jeher als Jäger und Sammler durch die Welt gestreift und waren dadurch immer mobil. Mobilität ist sozusagen die Essenz unserer Subsistenz, denn unsere Ernährung basiert darauf. Und in diesem Zuge haben wir uns unfassbar schnell ausgebreitet. Es ist erstaunlich und faszinierend, dass wir innerhalb von 50.000 Jahren den gesamten Planeten besiedeln konnten, inklusive Ozeaniens bis hin zu den Osterinseln. So etwas hat es in der Evolution des Menschen noch nie gegeben. Nur der moderne Mensch war so erfolgreich, kein Urmensch, kein anderes Säugetier hat das je auf eine ähnliche Art und Weise geschafft.

Marcus Rochlitzer: Uns interessiert das Thema Mobilität im Kontext von Umweltthemen und wachsenden Populationen in Städten. Das Fahrrad bekommt heute wieder einen hohen Stellenwert und Menschen suchen ganz gezielt nach Alternativen zu fossilen Antrieben, gleichzeitig aber auch nach Alternativen zur Elektromobilität. Wir wollten Teil der Veränderungen sein, indem wir wieder ein komplett mit Muskelkraft betriebenes System auf den Markt gebracht haben. Noch dazu eines, das bestmöglich zum menschlichen Körper passt. Denn die Bewegung auf dem „cyfly“ ähnelt im Prinzip dem Gehen oder Laufen im Niedrigfrequenzbereich – was der Mensch über extrem lange Zeiträume kann.

Sie sagen, Ihr System sei perfekt auf die menschlichen Bewegungsabläufe des ausdauernden Laufens angepasst. Kann sich die Genetik dazu positionieren, Herr Krause?

Johannes Krause: In Bezug auf den Bewegungsablauf selbst ist das schwierig, weil wir noch kein gutes Verständnis über die Genotyp-Phänotyp-Assoziation haben was den Aufbau des Skelettes angeht. Was wir aber bestätigen können, ist dass der Mensch tatsächlich in seiner ganzen Physiognomie besonders gut an den Dauerlauf angepasst ist. Kein anderes Säugetier kann so lange Strecken am Stück laufen wie wir Menschen. Wir haben die sehr ausgefeilte Mechanik für unseren aufrechten Gang, die uns das erlaubt, Langstreckenlauf durchzuführen. Noch dazu haben wir Schweißdrüsen und kein Fell mehr und können daher sehr schnell Wärme abführen.

Worin liegt das evolutionär begründet?

Johannes Krause: Das ist in der Forschung umstritten. Eine gängige Hypothese kommt von Daniel Lieberman aus Harvard. Er vermutet die Begründung für diese Anpassung an den Langstreckenlauf in der Hetzjagd, die in Teilen Afrikas bis heute durchgeführt wird. Man hetzt ein Tier schlichtweg zu Tode. In der Savanne, wo man die Möglichkeit hat, es immer wieder aufzuscheuchen, funktioniert das hervorragend. Menschen konnten so beispielsweise einer Antilope über 30 oder 40 Kilometer hinterherlaufen, bis sie totumfiel, weil sie im Gegensatz zum Menschen überhitzt. Diese Anpassungen kommen uns natürlich heute bei sportlicher Betätigung zugute.

Herr Krause, Sie erforschen den Kern unserer menschlichen Existenz, Sie, Herr Rochlitzer, sorgen mit „cyfly“ sogar im Silicon Valley für Aufsehen. Mit Sicherheit hätten Sie beide überall auf der Welt Karriere machen können. Warum haben Sie sich für Thüringen als Forschungs- und Entwicklungsstandort entschieden?

Marcus Rochlitzer: Ich habe meine Jugend in Thüringen verbracht und nachdem beruflich in Süddeutschland tätig war, wollte ich zurück und meine Kinder hier großziehen, denn Thüringen bietet in meinen Augen dafür die beste Infrastruktur. Sie und die Nähe zu Wirtschaft und Politik spielen natürlich auch für unsere Gründung eine wichtige Rolle: Wir sind in Mühlhausen sehr schnell mit Stadt und Land in Kontakt gekommen, die uns bei unserem Vorhaben unterstützen. Eine fruchtbare und nachhaltige Verbindung zu Entscheidungsträgern herzustellen ist in den großen Startup-Metropolen mit viel Wettbewerb deutlich schwieriger. Deshalb macht es für uns Sinn, hier zu entwickeln und mit cyfly auch ein Stück Tradition aufleben zu lassen, nämlich die alte thüringische Fahrradmarke Möve unter deren Namen wir produzieren.

Johannes Krause: Für unser Feld ist der Standort Thüringen in vielerlei Hinsicht von Bedeutung, denn Jena spielte in der Evolutionsforschung schon immer eine entscheidende Rolle. Im 19. Jahrhundert war hier beispielsweise Ernst Haeckel aktiv. Er ist Begründer der Stammbaumkunde, die immer noch Grundlage für die evolutionäre Genetik ist. Außerdem haben wir hier eine exzellente Universität sowie mehrere Max-Planck und Helmholtz-Institute. Es bieten sich also zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten, denn eine so große akademische Dichte wie hier findet man an kaum einem anderen Ort in Deutschland. Und nicht zuletzt treibt mich natürlich auch ein geographisches Motiv. Denn was könnte wie für einen Evolutionsforscher wie mich spannender sein, als mitten in Deutschland – und mitten in Europa – zu leben?

Info-Kasten

Goethe, Luther, Zeiss und Bauhaus – das sind nur einige Begriffe, die Thüringen bis heute prägen. Zusammen mit einer reichen Naturlandschaft bietet der Freistaat seinen Bewohnern eine einzigartige Lebensqualität. Hier lassen sich Familie und Beruf, Arbeit und Freizeit sowie Kultur und Natur hervorragend miteinander in Einklang bringen. Weitere Geschichten und Interviews mit Persönlichkeiten aus Thüringen finden Sie unter: www.das-ist-thueringen.de

Alles Facebook, oder was?

Kolumne von Emil Hofmann

Es ist schier zum Verzweifeln. So wie die Schüler langsam das normale Schreiben und das Denken in Zusammenhängen verlernen, ignorieren immer mehr Gründer die analogen Medien, wenn es um die Frage der Kundengewinnung geht. „Läuft heute alles über Facebook und Instagram“ – so die wörtliche Aussage eines angehenden Betriebswirts im IHK-Seminar. Wirklich? Sind die Follower gleichbedeutend mit wertschöpfenden Kunden oder muss man sie nicht (bestenfalls) als Interessenten sehen? Ist ein schnelles „Like“ gleich der Start in eine Wertschöpfungskette?

Natürlich muss man die „sozialen Medien“ nutzen, gerade wenn sich die anvisierte Zielgruppe hier aufhält. Nur: Damit sind Anzeigen, Flyer oder Präsentationsmappen noch lange nicht out. Und auch der alte, bodenständige Brief verfehlt keinesfalls seine Wirkung, wenn er den Nutzen für den Kunden in den Mittelpunkt stellt. Im Gegensatz zu Facebook & Co. ist der Brief das mit Abstand respektvollste Medium überhaupt. Das vergessen viele Gründer, sie sehen selbst das Telefon als Relikt aus früheren Zeiten, in denen man noch mit dem Interessenten und Kunden gesprochen und sich persönlich ausgetauscht hat. Erschreckend ist auch die Feststellung, dass Gründer viel Geld für eine Website und einen Shop ausgeben und sich keine Gedanken darüber machen, wie diese Seiten gefunden werden. Dann geistern Begriffe wie SEO oder Google Adwords durch die Diskussionen, wobei auch hier wieder die „old economy“ völlig vergessen wird. Kaum einer denkt an die Veröffentlichung eines Fachaufsatzes, der die Leser auf die Homepage führt, geschweige denn an einen Messestand, an dem nicht selten tausende kontaktfördernde Visitenkarten den Besitzer wechseln. Dabei gilt heute mehr denn je der Claim einer österreichischen Bank, bei dem das erste Wort im übertragenen Sinn zu sehen ist: „Reichtum entsteht durch Gespräche mit Menschen“. Und der wahre Reichtum sind nicht die Likes auf dem Smartphone, sondern das, was man stabile Kundenbeziehungen nennt. Das gilt gottseidank auch morgen noch, wie zahlreiche Beispiele eindrucksvoll beweisen.

Erfolgreiche digitale NRW-Start-ups: Die Finalisten

Erfolgreiche digitale Start-ups: Die Finalisten für den neuen Landespreis OUT OF THE BOX.NRW stehen fest

Minister Pinkwart: „Wettbewerb ist Anerkennung und Ansporn für alle, die die digitale Entwicklung Nordrhein-Westfalens vorantreiben.“ Mit dem im Herbst 2019 neu gestarteten Wettbewerb belohnt das Wirtschaftsministerium digitale Start-ups aus Nordrhein-Westfalen, die „OUT OF THE BOX“ denken und handeln. In der Nominierungsphase wurden mehr als 100 Start-ups aus dem ganzen Land vorgeschlagen. 45 von ihnen haben die Bewerbungskriterien erfüllt und eine Bewerbung eingereicht. Beim anschließenden Online-Voting waren die nominierten Unternehmen aufgerufen, ihre Community zu aktivieren und möglichst viele Stimmen für den Einzug ins große Finale am 2. September 2020 zu sammeln. Parallel bewertete eine Fachjury alle Nominierten. Nun steht das Ergebnis fest: Zwölf Start-ups ziehen in das Finale ein und kämpfen um insgesamt 50.000 Euro Preisgeld.

Wirtschafts- und Digitalminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart: „Die Folgen der Corona-Pandemie belastet viele Start-ups: Sie müssen finanzielle Engpässe überbrücken und mit noch nicht etablierten Geschäftsmodellen am Markt bestehen. Ich ziehe den Hut vor den digitalen Start-ups, die sich dieser extremen Herausforderung stellen und kreative wie innovative Antworten auf die Krise finden. Gerade für sie soll der Wettbewerb Anerkennung und zugleich Ansporn sein, auch weiterhin OUT OF THE BOX zu agieren und so die digitale Entwicklung unseres Landes voranzutreiben.“

Bei der Online-Abstimmung über www.outofthebox.nrw hatten rund 6.000 Menschen ihrem Lieblings-Start-up ihre Stimme gegeben. Parallel bewertete eine Fachjury die Nominierten. Von der Qualität der Nominierten waren die Juroren und das Ministerium so überzeugt, dass zusätzlich zwei weitere Finalplätze vergeben wurden. Damit stehen nun folgende zwölf Start-ups im Finale des OOTB:

1. AISportsWatch GmbHEssen
2. baufinovo e.K.      Kaarst
3. bee smart city GmbHMülheim an der Ruhr
4. Ducktrain/DroidDrive GmbHAachen
5. ForkOn GmbHHaltern am See
6. FURTHRresearch GmbH & Co. KGAachen
7. getbaff GmbHDüsseldorf
8. MotionMiners GmbHDortmund
9. Myster GmbHDortmund
10. Planbar GbRBocholt
11. Senseering GmbHKöln
12. ViSenSys GmbHDortmund

Ursprünglich war geplant, das Finale im Rahmen des PIRATE Summit 2020 in Köln stattfinden zu lassen. Aufgrund der Corona-Pandemie finden der finale Entscheid und die Preisverleihung von OUT OF THE BOX.NRW nun in einem überwiegend digitalen Rahmen statt. Die Verleihung des OUT OF THE BOX.NRW ist gleichzeitig der Kick-Off in zwei digitale Wochen rund um das Thema Unternehmertum. Aufgesetzt von der Veranstaltungsagentur PIRATEx wird der Kerngedanke des OOTB weitergetragen und eine Plattform geschaffen, mit der viele Akteure der nordrhein-westfälischen Start-up-Szene zusammenfinden, um in digitalen Formaten voneinander zu lernen, innovative Ideen zu diskutieren und sich untereinander zu vernetzen.

Alle Infos und Termine zum Wettbewerb unter: www.outofthebox.nrw

Über den Wettbewerb

OUT OF THE BOX.NRW ist ein völlig neuer Wettbewerb für Start-ups, die ein digitales Geschäftsmodell verfolgen. Mit insgesamt 50.000 Euro Preisgeld ist der OOTB einer der am höchsten dotierten Start-up-Wettbewerbe in Deutschland. Darüber hinaus verschafft er Startup-Teams die Möglichkeit, sich vor hochkarätigen Investoren zu präsentieren und damit vielfältige neue Kontakte zu knüpfen. Parallel will der Wettbewerb die vielfältige Gründerszene in Nordrhein-Westfalen sichtbar und bekannter machen.

Über den PIRATE Summit

2020 hätte der PIRATE Summit bereits zum 10. Mal stattfinden sollen. Er gilt als außergewöhnlichste Start-up-Konferenz in Deutschland, zu der nicht zuletzt die gewählte Location im Kölner Odonien beiträgt. Die rund 1.000 Teilnehmenden vertreten vor allem Early-Stage-Startups sowie viele hochkarätige Investoren und Corporates. Ziel ist, über Expert Sessions, Masterclasses und Pitches Networking zu fördern, Wissen zu vermitteln und das Unternehmertum zu feiern. In diesem Jahr wird die PIRATE Summit Community erstmalig auf einer digitalen Plattform vereint. Das 10-jährige Event-Jubiläum selbst wird 2021 in der einzigartigen Event-Location “nachgefeiert”.

„The sky is no longer the limit!“

Peter Fricke, Chef des Start-up Ökosystems Deutsche Börse Venture Network, zur aktuellen Lage während und nach der Corona-Krise:“Die Corona Krise ist so umfassend, wie keine Krise vorher. Selbst sehr gut etablierte Start-ups kommen zum Teil an die Grenzen – da geht es diesem Bereich der Wirtschaft nicht anders als anderen Playern in Industrie und Mittelstand. Das, was in den letzten Jahren geschaffen wurde, ist es aber definitiv wert, erhalten zu bleiben. Wir sollten nicht den gleichen Fehler machen, den wir in und nach der Dotcom-Krise begangen haben. Denn da haben wir es verpasst, in Deutschland einen Nährboden für innovative Technologieunternehmen zu schaffen. Nun sind einzelne amerikanische Tech-Giganten mehr wert als der gesamte DAX und US-Start-ups fliegen Nasa-Astronauten ins All. Das sind die Dimensionen, in denen wir denken müssen. Wir müssen das vorhandene Potential jetzt nutzen und fördern – the sky is no longer the limit!“

Das Interview in voller Länge hier.

Ökosystem Start-up

„Chance nutzen, um gestärkt in die Zukunft zu gehen“

Das Deutsche Börse Venture Network wurde 2015 gegründet, um Start-ups besser mit Wachstumskapital zu versorgen. Es erleichtert Unternehmen von der frühen bis zur späten Wachstumsphase Zugang zu Kapital und bietet dazu maßgeschneiderte Services. Im Interview erklärt Peter Fricke, der das Deutsche Börse Venture Network leitet, wie sich das Ökosystem entwickelt hat, wo Start-ups weiterhin Unterstützung brauchen und welche Auswirkungen die Corona-Pandemie hat.

Herr Fricke, das Deutsche Börse Venture Network wurde 2015 in enger Abstimmung mit dem Bundeswirtschaftsministerium gestartet, um die Finanzierung von Wachstumsunternehmen in Deutschland zu stärken. Was hat sich seitdem getan?
Als wir 2015 angetreten sind, eine vorbörsliche Plattform für Wachstumsfinanzierung aufzubauen, war der Standort vor allem durch e-Commerce Unternehmen und erhebliche Finanzierungslücken geprägt. Seitdem hat sich im Ökosystem eine ganze Menge getan. Die Business-Modelle sind komplexer geworden und vor allem in den Bereichen Software/Analytics, Fintech und Mobilität genießt Deutschland internationale Aufmerksamkeit. Auch Kapital ist zunehmend vorhanden, die Venture Capital (VC) Finanzierungen in Deutschland haben sich in den letzten fünf Jahren mit rund 6 Mrd. Euro mehr als verdoppelt, jedoch nicht zuletzt durch ausländische Kapitalgeber. Zudem gab es viele positive Impulse, sowohl von Seiten der Wirtschaft als auch durch die Politik, etwa über die dritte Fondsgeneration des High-Tech Gründerfonds oder die Neugründung der KfW Capital. Insgesamt zeigt sich, dass die Aufmerksamkeit der Politik für die Gründerszene in Deutschland sehr stark gestiegen ist. Schließlich hat das nun viele Jahre andauernde positive Geschäftsklima auch zu vermehrten Exits bei Start-ups geführt. Viele dieser ehemaligen Gründer sind heute wieder als Business Angel oder VC-Investor aktiv – so wird das Geld wieder zurück in den Kreislauf gegeben. Gerade für Gründer in frühen Finanzierungsphasen ist also viel erreicht worden.

Welche Bilanz ziehen Sie nach fünf Jahren Venture Network?

Wir sind 2015 mit knapp 70 Mitgliedern gestartet und seitdem sehr rasant gewachsen. Heute umfasst das Deutsche Börse Venture Network über 200 Start-ups und 400 Investoren, insgesamt also über 600 Mitglieder. Als Plattform für Wachstumsfinanzierung begleiten wir die Unternehmen in unserem Netzwerk während der gesamten Reise ihres Wachstumspfades. Die 200 Wachstumsunternehmen aus unserem Netzwerk sind mittlerweile in über 30 Ländern aktiv und beschäftigen dabei über 25.000 Mitarbeiter. Seit 2015 haben die Unternehmen über 3,6 Mrd. Euro an Kapital aufgenommen. Auf Seite der Investoren ist es uns gelungen, die gesamte Bandbreite der relevanten Investorenklassen abzubilden. So umfasst unser Netzwerk Zugang zu über 400 Investoren aus den Bereichen Venture Capital, Private Equity, Venture Debt, Family Offices und Corporates. Und was mich besonders freut ist, dass bereits sieben Unternehmen aus unserem Venture Network an die Frankfurter Börse gegangen sind und ihren Wachstumspfad über den Kapitalmarkt weiter ausbauen konnten. Mit weiteren sehr vielversprechenden Börsen-Kandidaten sind wir in engem Kontakt. Ein weiterer Meilenstein war, dass wir unser Netzwerk, das ursprünglich auf spätphasige Unternehmen ausgerichtet war, seit 2017 auch für frühphasige Wachstumsunternehmen, ab einem Jahresumsatz von mehr als einer Million Euro, geöffnet haben. Das starke Interesse spiegelt sich dabei auch in unseren Investoren-Roadshows wider, über die wir in den vergangenen Jahren unsere Start-ups mit Investoren zusammengebracht haben – übrigens nicht nur in Europa, sondern auch in den USA und in China.

Was hat sich auf der Investorenseite verändert?

Grundsätzlich kann man sagen, dass gerade die größeren Finanzierungsrunden in Deutschland fast ausschließlich von Investoren aus den USA oder dem asiatischen Raum gestemmt werden, wenngleich auch in Deutschland zunehmend Kapital vorhanden ist. Gerade in den letzten Jahren sind in Deutschland viele neue VC-Fonds hinzugekommen, die primär auf frühphasige Start-ups spezialisiert sind. Auch Co-Investments nehmen zu, d. h. Kapitalsammelstellen, Versicherungen und Family Offices sind verstärkt an direkten Beteiligungen an jungen Technologieunternehmen interessiert, wir merken allerdings, dass im Vergleich zu anderen Investorengruppen hier noch mehr Expertise aufgebaut werden muss. Weiter beobachten wir eine größere Bereitschaft der Investoren, digitale Formate einzusetzen, um neue potenzielle Beteiligungen zu identifizieren, bis hin zur Nutzung von Plattformen für Sekundärtransaktionen, gerade in den USA. Ich gehe davon aus, dass sich diese Tendenzen durch die Corona-Pandemie weiter verstärken werden. Dies sind beides Entwicklungen, die wir als Venture Network eng begleiten.

Stichwort Corona-Pandemie: Welchen Einfluss hat die auf die Wachstumsfinanzierung?

Corona trifft das Start-up-Ökosystem sehr stark. Besonders hart ist die aktuelle Situation natürlich für Start-ups in den Bereichen Travel, Real Estate und Sports/Wellness. Für Unternehmen dieser Branchen ist es besonders schwierig, gerade wenn sie die für 2020 geplante Finanzierungsrunde nicht zurückstellen oder etwa durch eine kleinere interne Runde mit Bestandsinvestoren ersetzen können. Entscheidend sind hier jetzt die nächsten Monate, in denen wir hoffentlich keinen Ausfall von kleinen oder großen Hoffnungsträgern zu beklagen haben. Hier kann die Corona-Matching-Fazilität von KfW Capital und dem europäischen Investitionsfonds EIF einen wichtigen Beitrag leisten. Was wir außerdem sehen: Die Wagniskapitalgeber unterstützen aktuell noch intensiver ihre Portfoliounternehmen und sind in noch engerem Kontakt mit ihren eigenen Geldgebern. Investments in neue Beteiligungen verzögern sich dadurch erheblich oder werden im schlimmsten Fall komplett ausgesetzt. Viele Investoren erwarten daher, dass sich die Zahl neuer Investments im zweiten Quartal um fast die Hälfte reduzieren wird. Dies war eines der zentralen Ergebnisse unserer kürzlich veröffentlichten Befragung, dem VC Investoren-Sentiment. Neue Finanzierungsrunden sind also nicht unmöglich, aktuell aber deutlich härter.

Was raten Sie Start-ups in der aktuellen Situation?

Wichtig ist vor allem, dass die Fundraising-Strategie und der Zeitplan an die aktuelle Situation angepasst werden. Für Gründer ist es essenziell, dass sie die Tragweite der Situation verstehen. Hierzu sollten sie die Auswirkungen auf das eigene Venture, auf VC-Investoren, aber auch auf die Gesellschaft und Wirtschaft reflektieren. Dafür ist der persönliche Kontakt zu Investoren und Multiplikatoren entscheidend. Sie müssen ihre Anpassungen am Business-Plan erklären, das zeigt Investoren, dass sie die Situation verstanden haben und reagieren. Zudem finden Investoren-Pitches zurzeit fast ausschließlich virtuell statt. Dazu haben wir im Venture Network verschiedene Online-Formate gestartet, bei denen es auch darum geht, Start-ups bestmöglich auf diese veränderte Situation vorzubereiten. Außerdem beobachten wir eine erhöhte Nachfrage nach individueller Beratung bei uns im Netzwerk.

Rächt es sich jetzt, dass wir in Deutschland vor lauter Risikoaversion keine ausgeprägte Gründerkultur haben?

Beim Thema Gründerkultur besteht hierzulande definitiv noch Luft nach oben. Das fängt in den Schulen und Universitäten an. Wichtig ist, dass wir heute bereits bei jungen Leuten die richtigen Impulse setzen, damit sie sich mit wichtigen Themen wie Unternehmensgründung und auch der Funktion des Kapitalmarkts auseinandersetzen. Aber wenn es um Risikoaversion geht, sind nicht nur die Gründer wichtig – es braucht selbstverständlich auch mutige und gut ausgebildete Mitarbeiter, die bereit sind, an einer zukunftsweisenden Technologie mitzuarbeiten und auf lukrative und vermeintlich sichere Jobangebote aus dem Banken-, Automobil- und Beratungsbereich zu verzichten. Hier müssen mehr Anreize für junge Leute geschaffen werden, damit sie sich für einen Start bei jungen Technologieunternehmen entscheiden, zum Beispiel über attraktive Mitarbeiterbeteiligungsprogramme. Sie müssen noch stärker an der Entwicklung und am Erfolg teilhaben. Die Vorhaben zur Verbesserung dieser Rahmenbedingungen im jüngst verabschiedeten Konjunktur- und Investitionsprogramm der Bundesregierung ist daher ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Hier kommt es jetzt auf eine wirkungsvolle Ausgestaltung und Umsetzung an.

Damit lässt sich an der aktuellen Krise doch gut ablesen, wie stabil unser Ökosystem wirklich ist.

Nein, das sehe ich nicht so. Die Corona Krise ist so umfassend, wie keine Krise vorher. Selbst sehr gut etablierte Start-ups kommen zum Teil an die Grenzen – da geht es diesem Bereich der Wirtschaft nicht anders als anderen Playern in Industrie und Mittelstand. Das, was in den letzten Jahren geschaffen wurde, ist es aber definitiv wert, erhalten zu bleiben. Wir sollten nicht den gleichen Fehler machen, den wir in und nach der Dotcom-Krise begangen haben. Denn da haben wir es verpasst, in Deutschland einen Nährboden für innovative Technologieunternehmen zu schaffen. Nun sind einzelne amerikanische Tech-Giganten mehr wert als der gesamte DAX und US-Start-ups fliegen Nasa-Astronauten ins All. Das sind die Dimensionen, in denen wir denken müssen. Wir müssen das vorhandene Potential jetzt nutzen und fördern – the sky is no longer the limit!

Mit dem Deutsche Börse Venture Network leistet die Deutsche Börse einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung des Ökosystems für Wachstum in Deutschland. Mit einem speziell entwickelten und auf Gründer und Investoren abgestimmten Angebot aus Investorenveranstaltungen, Trainings und Networking-Events möchte das Wachstumsnetzwerk einen spürbaren Unterschied für die Finanzierungs-situation von jungen, aufstrebenden Unternehmen in Deutschland und Europa erreichen. Mehr Informationen finden sie hier.

KfW-Gründungsmonitor: Gründung zieht erstmals wieder an

  • Zahl der Gründungen legt um 58.000 auf 605.000 zu
  • Jede dritte Gründung ist internetbasiert
  • Berlin in Rangliste der Bundesländer auf Platz 1

Die Gründungstätigkeit in Deutschland konnte 2019 erstmals seit 5 Jahren wieder anziehen, wie der aktuelle KfW-Gründungsmonitor 2020 zeigt. Die Zahl der Existenzgründungen ist auf 605.000 gestiegen (+58.000). Auch die Gründungsplanungen wurden 2019 mehr. Doch ob sich diese Planungen tatsächlich 2020 in Gründungen niederschlagen, ist angesichts der Corona-Krise fraglich.

„Der Ausblick für das Gründungsjahr 2020 war positiv, doch die Corona-Pandemie belastet. Ich erwarte, dass Gründungspläne unter dem Eindruck der aktuell existenzbedrohenden Lage vieler Selbstständiger teilweise verschoben werden“, sagt Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW Bankengruppe. Jedoch werde die Krise auch einen die Gründungstätigkeit antreibenden Effekt haben. „Aufgrund von krisenbedingt zunehmender Erwerbslosigkeit dürfte die Zahl sogenannter Notgründungen – also Gründungen, die mangels besserer Erwerbsalternativen erfolgen – steigen.“ Welcher Effekt letztlich überwiegen werde, bleibe abzuwarten.

Für die steigende Zahl der Gründungen im Jahr 2019 ist ein deutliches Plus bei Nebenerwerbsgründungen ursächlich. Sie legten um 85.000 auf 377.000 zu. Bei den Vollerwerbsgründungen ging es dagegen weiter abwärts auf einen neuen Tiefpunkt von 228.000 (-27.000). Nach vier Jahren mit einer sinkenden Zahl von Existenzgründungen durch Männer ging es hier 2019 mit 390.000 (+59.000) wieder aufwärts. Die Zahl der Gründerinnen stagnierte dagegen und blieb mit 215.000 (-1.000) auf Vorjahresniveau. Der Anteil von Gründungen durch Frauen an allen Gründungen ging somit auf 36 % zurück (2018: 40 %).

Blickt man tiefer in die Struktur der Gründungstätigkeit, so zeigen sich positive Trends: Innovative Gründungen und Wachstumsgründungen legten geringfügig zu (von 11 % auf 13 % aller Gründungen und von 24 % auf 25 %). Eine deutliche Zunahme gibt es bei internetbasierten und digitalen Gründungen (von 25 % auf 32 % und von 22 % auf 28 %). „Der Trend zu mehr innovativen, digitalen und internetbasierten Gründungen ist positiv, denn sie kreieren neue Märkte, treiben den strukturellen Wandel voran und stärken die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft“, sagt Dr. Fritzi Köhler-Geib.

KfW-Gründungsmonitor 2020

In der Rangliste der Gründungstätigkeit nach Bundesländern bleibt Berlin souverän an der Spitze. Dort haben im Durchschnitt der Jahre 2017 – 2019 von 10.000 Erwerbsfähigen jährlich 198 Personen eine selbstständige Tätigkeit begonnen. Brandenburg tauscht mit Hamburg den Platz und liegt erstmals an zweiter Stelle (155 Existenzgründungen pro 10.000 Erwerbsfähigen). Es ist zu vermuten, dass die überdurchschnittliche Gründungstätigkeit in Berlin in dessen Peripherie ausstrahlt, weil Gründerinnen und Gründer ihre Stand- oder Wohnorte beispielsweise kostenbedingt in den „Speckgürtel“ verlagern. Davon profitiert Brandenburg direkt. Hamburg kann mit 122 Gründungen je 10.000 Erwerbsfähige knapp Platz 3 vor Bayern mit 121 Gründungen behaupten.

Der KfW-Gründungsmonitor ist abrufbar unter www.kfw.de/gruendungsmonitor

Zur Datengrundlage:
Der KfW-Gründungsmonitor ist eine repräsentative, seit dem Jahr 2000 jährlich durchgeführte, telefonische Bevölkerungsbefragung zum Gründungsgeschehen in Deutschland. Er basiert auf Angaben von 50.000 zufällig ausgewählten, in Deutschland ansässigen Personen. Gründer werden dabei breit erfasst: ob im Voll- oder Nebenerwerb, ob Freiberufler oder Gewerbetreibender, ob Neugründung oder Übernahme. Der KfW-Gründungsmonitor liefert damit ein umfassendes Bild der Gründungstätigkeit in Deutschland.

Kreditstau bei Banken

Eckard Schwarzer, Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung und stell­ver­tre­ten­der Vor­stands­vor­sit­zen­der der DATEV eG, redet Tacheles: Nach Verabschiedung des Milliarden-Hilfspakets der Bundesregierung befürchtet der Steuerexperte dramatische Verzögerungen bei der Ausreichung der Kredite und Hilfsmittel: “Das Hausbankprinzip behindert massiv die Bearbeitung der dringend benötigten Mittel für den Mittelstand”, so aktuell der Experte im Morgenmagazin des ZDF. Trotz Bürgschaft der Bürgschaftsbanken und der KfW bis zu 90 Prozent steht die Bearbeitungszeit und die Beurteilung der Bonität durch die Kreditsachbearbeiter der Banken einer rechtzeitigen Ausreichung massiv im Weg. Noch schlimmer: Die Kreditanstalt für Wideraufbau hat angekündigt, erst ab 14. April mit der Bearbeitung der Anträge zu beginnen. Von da an rechnet Schwarzer noch mit bis zu zwei Monaten, bevor das Geld bei den Unternehmen ankommt. Dann ist es für die meisten betroffenen Mittelständler längst zu spät. Schwarzer fordert daher, die Prüfung bereits von den jeweiligen Steuerberatern durch ein Testat massiv zu beschleunigen.

Danach stehen die Unternehmen noch vor der großen Problematik der Tilgung der Kredite. Wer im Handel bereits Ware bestellt hat muss diese auch bezahlen, verfügt jedoch über keinerlei Einnahmen, um die Disposition zu abzuwickeln. Experte Franz Josef Tenhagen von “Finanztipp” fordert daher, “noch zusätzlich die Tilgung der Kredite vorläufig auszusetzen”. Eckhard Schwarzer verweist angesichts der zu erwartenden Misere auf das unkomplizierte Verfahren in der Schweiz, wo Unternehmen ohne große Hürden Kredit bis zu 20 Millionen Euro bekommen können.

Firmen, die wegen der Corona-Krise “wirtschaftlich erheblich beeinträchtigt sind” können Überbrückungskredite im Umfang von maximal 10 Prozent ihres Jahresumsatzes bei ihrer Hausbank beantragen. Das Formular ist auf der Website www.covid19.easygov.swiss verfügbar. Bis zu 500.000 Franken bürgt der Bund voll, er trägt also das ganze Ausfallrisiko. Der Zinssatz beträgt null Prozent.

Davon sind wir hierzulande leider monatelang entfernt, hunderttausende von Anträgen werden erwartet. Eckhard Schwarzer befürchtet das Schlimmste: “In drei Monaten ist für viele Mittelständler und Kleinstunternehmen längst Schluss.”