Europa galt lange als kompliziertes Pflaster für Gründerinnen und Gründer. Wer international skalieren wollte, musste sich durch 27 unterschiedliche Rechtssysteme kämpfen – mit jeweils eigenen Anforderungen an Gründung, Steuern, Arbeitsrecht und Finanzierung. Genau hier setzt eine der ambitioniertesten Initiativen der letzten Jahre an: das sogenannte „28. Regime“. GründerMagazin.com bleibt für Sie dran und begleitet die Entwicklung des 28. Regimes sowie alle Trends rund um die Zukunft des Unternehmertums in Europa. Doch was steckt konkret dahinter – und warum könnte es die Express-Gründung auf EU-Ebene Realität werden lassen?
Vom Flickenteppich zum Binnenmarkt für Startups
Der europäische Binnenmarkt ist einer der größten Wirtschaftsräume der Welt. Dennoch ist er für Unternehmen in der Praxis oft fragmentiert. Jede Expansion in ein neues EU-Land bedeutet zusätzliche Bürokratie, neue rechtliche Rahmenbedingungen und hohe Kosten. Das „28. Regime“ soll dieses Problem lösen. Es handelt sich um einen optionalen EU-weiten Rechtsrahmen, der neben den bestehenden 27 nationalen Systemen existiert – als eine Art „28. Option“. (Wikipedia) Unternehmen könnten sich künftig entscheiden, direkt unter einem einheitlichen europäischen Regelwerk zu gründen – und damit automatisch im gesamten EU-Binnenmarkt tätig zu sein.
Express-Gründung: Unternehmen in 48 Stunden?
Ein zentrales Element der Initiative ist die radikale Vereinfachung der Unternehmensgründung. Geplant ist ein vollständig digitaler Prozess über ein EU-Portal – ohne Notartermine, ohne physische Präsenz und mit minimalem Kapitalbedarf. (dsv-europa.de)
Diskutiert werden unter anderem:
- Gründung innerhalb von 48 Stunden
- Digitale Registrierung über ein zentrales EU-Portal
- Mindestkapital ab 1 Euro
- Standardisierte, englischsprachige Dokumente (EU Inc.)
Das Ziel: Gründung so einfach machen wie das Erstellen eines Online-Accounts – ein echter Paradigmenwechsel für Europa.
Ein Unternehmen für 27 Länder
Der vielleicht größte Vorteil: Statt Tochtergesellschaften in mehreren Ländern aufzubauen, könnten Gründer künftig mit einer einzigen juristischen Einheit europaweit operieren.
Das bedeutet:
- Einheitliche Regeln für Governance und Finanzierung
- Vereinfachter Zugang zu Investoren in ganz Europa
- Standardisierte Beteiligungsmodelle und Mitarbeiteroptionen
- Wegfall vieler rechtlicher und administrativer Hürden (EU Information Service)
Gerade für Startups und Scale-ups könnte das ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein – insbesondere im Vergleich zu den USA, wo ein einheitlicher Markt längst Realität ist.
Warum Europa diesen Schritt braucht
Die Motivation hinter dem 28. Regime ist klar: Europa soll als Standort für Innovationen attraktiver werden. Derzeit wirken die unterschiedlichen nationalen Regelungen wie „unsichtbare Zölle“, die Expansion erschweren und Ressourcen binden. (European Economic and Social Committee)
Mit einem einheitlichen Rechtsrahmen sollen:
- Bürokratiekosten drastisch sinken
- Unternehmensgründungen beschleunigt werden
- mehr Startups in Europa bleiben statt in die USA abzuwandern
- der Zugang zum gesamten EU-Markt erleichtert werden (Reuters)
So vielversprechend das Konzept ist – noch befindet sich das 28. Regime im politischen Prozess. Das Europäische Parlament hat bereits Empfehlungen verabschiedet, und ein konkreter Gesetzesvorschlag wird erwartet. (dsv-europa.de)
Offene Fragen bleiben:
- Wie werden Steuerregeln harmonisiert?
- Welche Rolle spielen nationale Arbeitsrechte?
- Wie wird Rechtssicherheit über Ländergrenzen hinweg gewährleistet?
Klar ist: Das Modell soll nationale Systeme nicht ersetzen, sondern ergänzen – als freiwillige Alternative. (Diluto EU-INC Hub)
Die Zukunft der Gründung ist europäisch – und digital
Die Idee der Express-Gründung auf EU-Ebene ist mehr als nur ein politisches Projekt. Sie ist ein Signal: Europa will im globalen Wettbewerb um Innovation und Unternehmertum aufholen – und eigene Standards setzen. Sollte das 28. Regime wie geplant umgesetzt werden, könnte sich die Art, wie Unternehmen in Europa entstehen und wachsen, grundlegend verändern.
Für Gründer bedeutet das vor allem eines: weniger Bürokratie, mehr Geschwindigkeit – und ein Markt von über 400 Millionen Menschen, der endlich so funktioniert, wie er gedacht war. Die spannendste Frage ist daher nicht mehr, ob sich Europa verändert – sondern wie schnell.