GründerMagazin-Analyse: Warum die kaum bekannte Agentur SPRIN-D die Zukunft des Landes radikal neu denkt – und was das für Gründer bedeutet?
„Wir müssen wieder lernen, groß zu denken – und zu riskieren, grandios zu scheitern.“ So spricht ein Mann, den man kennen sollte, unter Menschen, die sich beruflich mit Innovation beschäftigen. Denn Rafael Laguna de la Vera ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Stimmen, wenn es um Deutschlands Zukunftsfähigkeit geht. Deshalb spricht er von nichts Geringerem als einer „Gründerzeit 2.0“.
Die Analyse: Er ist Direktor der Bundesagentur SPRIN-D, offiziell: Agentur für Sprunginnovationen der Bundesrepublik Deutschland. Sitz: Leipzig. Bekanntheitsgrad: viel zu niedrig. Relevanz: enorm. Während Ministerien über Strategiepapiere brüten und Konzerne ihre Effizienz trimmen, versucht Laguna de la Vera etwas, das in Deutschland fast schon revolutionär wirkt: echte, radikale Innovation ermöglichen. Technologie, die nicht nur verbessert, was es schon gibt – sondern etwas völlig Neues schafft. So, wie damals in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts.
Die Idee: mehr Wahnsinn – und weniger Verwaltung
Laguna de la Vera ist einer, der Klartext spricht. Seine Botschaft: Deutschland hat sich zu bequem eingerichtet. Wir optimieren, statt zu erneuern. Wir verwalten, statt zu gestalten. Wir fördern Kleinkram, aber nicht die großen Visionen.
SPRIN-D soll das ändern. Die Agentur ist inspiriert vom US-Vorbild DARPA – jener Organisation, aus der das Internet, GPS, moderne Halbleitertechnologie und vieles mehr hervorgingen. DARPA finanziert Dinge, die so riskant sind, dass keine Firma und kein klassisches Förderprogramm sie anfassen würde. Mit der gleichen Logik will SPRIN-D arbeiten – nur eben made in Germany.
SPRIN-D sitzt nicht in Berlin, nicht in München, nicht in irgendeinem Berliner Industrie-Loft mit Designmobiliar. Sondern in Leipzig. In einem sanierten Backsteinbau. Bewusst abseits des Berliner Politbetriebs. Das ist kein Zufall. Denn laut Laguna de la Vera braucht Innovation Entkopplung: von Lobbydruck, von Tagespolitik, von Verwaltungslogik. Leipzig bietet Raum – mental und geografisch – für genau das.
SPRIN-D finanziert keine klassischen Start-ups. Keine Apps. Keine kopierten Geschäftsmodelle aus den USA. Sondern Sprunginnovationen – also Technologien, die: neue Märkte schaffen, alte Strukturen ersetzen, global relevant sind und potenziell extrem riskant sind. Das können sein:
- neuartige Energiespeicher
- medizinische Verfahren, die Krankheiten grundlegend anders behandeln
- KI-Systeme, die Maschinen zu autonomen Problemlösern machen
- Technologien, die Ressourcen anders denken
- Radikale Ansätze für Mobilität
Kurz: Dinge, die so ambitioniert sind, dass man nicht weiß, ob sie funktionieren – aber wenn sie funktionieren, verändern sie alles. SPRIN-D arbeitet deshalb mit „Challenges“ und „X-Prizes“ – die besten Köpfe, Forscher, Entrepreneure konkurrieren um Lösungen. Für GründerMagazin-Leser heißt das: Hier entstehen die Märkte der Zukunft. Und SPRIN-D öffnet die Tür zu ihnen.
Neue Gründerzeit für Deep Tech
Laguna de la Veras Kernthese ist alarmierend klar: Deutschland droht, den Anschluss an die nächste Welle technologischer Revolution zu verlieren. Während die USA, China, UK und Südkorea Milliarden in Deep Tech, KI und Quantenforschung investieren, verliert Deutschland Zeit – in Debatten, Büros, Gremien.
Die Folge? Weniger Patente, weniger technologische Eigenständigkeit, weniger Wachstum und Weniger internationale Wettbewerbsfähigkeit. Mit anderen Worten: Ohne Sprunginnovationen kein nachhaltiger Wohlstand. Die historische Gründerzeit des 19. Jahrhunderts brachte Deutschland die Chemieindustrie, die Elektrotechnik, die Automobilindustrie und natürlich den den Maschinenbau.
Sie war der Motor der Industrialisierung. Laguna de la Vera fordert eine neue Ära – aber mit Deep Tech als Herzschlag:
- KI
- Quantencomputing
- neue Materialien
- radikale Energie- und Klimatechnologien
- Biotechnologie
- autonomes Systems Engineering
Deutschland muss wieder das Land werden, in dem man nicht fragt: „Darf man das?“
Sondern: „Wie bauen wir es?“
Wollen wir eine Gründerzeit 2.0?
Weil Deutschland historisch immer dann stark war, wenn es neue Technologien früh verstanden und gestaltet hat. Und immer dann schwach, wenn es sich zu sehr auf Bestehendes verlassen hat. Heute stehen wir wieder an so einem Wendepunkt. Die Frage ist nicht: Können wir eine Gründerzeit 2.0 schaffen? Die Frage ist: Wollen wir sie überhaupt?
SPRIN-D, DARPA-inspiriert, exzentrisch, mutig, unbequem – ist einer der wenigen Orte im Land, an dem diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantwortet wird. Und vielleicht ist es genau diese Art von Ja, die Deutschland jetzt braucht.
Was Gründer jetzt tun sollten
Die Gründerzeit 2.0 ist kein staatliches Projekt – sie lebt von denen, die heute gründen.
Drei Impulse aus Laguna de la Veras Denken:
1. Problembasiert gründen, nicht produktbasiert
Die nächste große Welle kommt nicht von Apps, Plattformen oder Convenience-Lösungen.
Sie kommt aus Physik, Materialwissenschaft, KI-Kerntechnologie, Biotech.
2. Radikal denken – und radikal validieren
„Moonshots“ funktionieren nicht, wenn sie zu PowerPoint verkommen.
Man muss sie bauen. Testen. Wieder bauen.
3. Finanzierung diversifizieren
SPRIN-D kann ein Türöffner sein – aber auch internationale Fonds, Stiftungen, Unternehmen.
Deep Tech ist internationaler Wettbewerb. Wer groß denkt, braucht globale Ressourcen.