Welche Standortfaktoren zählen?

Dr. Kirst

„Ich habe keinen Standort, ich arbeite von zu Hause aus!“ Mit dieser Aussage werde ich mindestens einmal im Monat konfrontiert: von Gründungswilligen, die sich zum Beispiel in Veranstaltungen der Wirtschaftskammern auf Ihre Selbständigkeit vorbereiten. Was sie meinen ist: „Ich habe kein Ladenlokal, keine Laufkundschaft und damit ist das nicht mein Problem.“

Weit gefehlt – diese Meinung ist nicht nur unrichtig, sie ist auch die Ursache für eine Vielzahl von gescheiterten Unternehmungen, an Krisen und an Insolvenzen. Die Analyse des Standortes für eine Gründung – ob vorhanden oder noch zu suchen – und damit auch die Entscheidung, ob er geeignet ist, stellt eine wesentliche Voraussetzung für den geschäftlichen Erfolg jedes Unternehmers dar. Ob er nun als Händler, Produzent oder als Dienstleister gründet, ob er eine Gewerbe betreibt oder einen Freien Beruf.

Marktanalyse und Recherche

Diese Recherchen sind ein wesentlicher Bestandteil der Marktanalyse, wie sie vor jeder weitreichenden unternehmerischen Entscheidung zu erarbeiten ist. Situationen, die einen solchen Aufwand erforderlich machen, sind zum
Ein Beispiel: Gründung oder Erweiterung eines Unternehmens
• Prüfen der Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit eines Betriebes (z.B. vor einem Beteiligungserwerb oder einer Unternehmensnachfolge)
• Einführen neuer Produkte, Sortimente oder Dienstleistungen
• Änderungen bei den Zielgruppen des Unternehmens
Letztlich immer dann, wenn ein Geschäfts(Business-)plan zu erarbeiten ist oder die vorhandenen Unterlagen neuen Zielstellungen und Entwicklungen anzupassen sind.

Was zählt als Standort?

Ihr Standort ist der Platz, von dem aus Sie Ihr Unternehmen betreiben, an welchem Sie die gewerbliche oder freiberufliche Tätigkeit angemeldet haben und wo Ihr zuständiges Finanzamt liegt. Wir verstehen darunter nicht Ihren Einzugsbereich – der kann weit darüber hinaus gehen. Sollten Sie Ihr Geschäft abweichend von Ihrem Wohnort betreiben, ist Ihr Standort immer der Platz, wo Ihr Betrieb gemeldet ist – dort zahlen Sie Gewerbesteuer und führen die Umsatzsteuer ab. Am Wohnort entrichten Sie Ihre Einkommenssteuer an das dortige Finanzamt.
Es ist notwendig, den Standort genau so zu erfassen, weil unklare Vorstellungen zu beträchtlichen Risiken und finanziellen Belastungen führen, die Ihre Selbständigkeit womöglich ernsthaft gefährden.
Zwiti: Welche Auswirkungen hat die Standortwahl für Sie?
Wie ernst das zu nehmen ist, zeigen zwei Beispiele:
Beispiel 1:
Rainer M. hatte vor, einen Baustoffhandel zu eröffnen. Zu diesem Zweck erwarb er ein geräumiges Grundstück am Ortsrand, das vorwiegend als Lager dienen sollte. Er erzielte einen ungewöhnlich niedrigen Preis, was er hauptsächlich seinem Verhandlungsgeschick zuschrieb. Nachdem er mit dem Unternehmen begonnen hatte und das Grundstück mit einem Zaun versehen wollte, stellte sich heraus, dass die einzige Zufahrt über eine Brücke führte, die auf öffentlichem Grund lag, aber infolge Brückenschäden, nur 3,5 t trug.
Das Grundstück war damit für seine Zwecke wertlos.
Entscheiden Sie niemals unter Zeitdruck über Ihren Standort. Stellen Sie Erkundigungen an bei Nachbarn und Anliegern (am besten, ohne erkennen zu lassen, dass Sie sich für diesen Standort interessieren). Holen Sie Informationen ein bei Behörden (z.B. Tiefbauamt) und öffentlichen Stellen, ob an Ihrem Standort in den nächsten Jahren Veränderungen geplant sind. Verlassen Sie sich bei großen Investitionen nicht auf Pläne oder mündliche Aussagen von Experten, die nicht von Ihnen selbst bezahlt sind. Werden Sie hellhörig, wenn etwas sehr preiswert ist, und suchen Sie das Gespräch mit Vorbesitzern (-mietern, -nutzern).
In unserem Beispiel hätte eine Begehung der Zufahrtswege das Problem rechtzeitig ans Licht gebracht.

Büro im Wohnzimmer

Die Annahme, eine Standortanalyse sei nur für den Einzelhandel, die Gastronomie, das Handwerk oder die Industrie von Bedeutung, ist schlichtweg falsch.
Oft wird vor allem dann jegliche kritische Überlegung ausgeblendet, wenn es sich um das eigene Haus, die eigene Wohnung handelt: „Da bin ich, das gehört mir, das ist mir bequem und vertraut und es spart Kosten, also mache ich mein Geschäft von Daheim aus.“
So richtig es ist, Geld zu sparen, so sehr kann das Projekt misslingen, wenn Sie die örtlichen Spielregeln nicht kennen:
Beispiel 2:
Karola S. war Lebensmittelchemikerin und gründete einen Internetshop zum Vertrieb von Naturkosmetik sowie Nahrungsergänzungsmitteln. Sie hatte vor, das Geschäft von Zuhause aus zu betreiben – in Ihrer Wohnung war genügend Raum für einen Büroarbeitsplatz und das Verpacken der Ware.
Nach Start des Unternehmens beschwerten sich die Nachbarn über die gewerblichen Papierabfälle im Hausmüll beim Vermieter, der einer solchen Nutzung der Mietwohnung nicht zugestimmt hatte und das Ordnungsamt informierte. Frau S. musste Ihre Tätigkeit sofort einstellen und einen neuen, geeigneten Standort suchen. Folge: Verlust von Zeit, Image und Geld.
Aus jahrzehntelanger Praxis heraus sei erwähnt, was in diesem Beispiel noch hätte passieren können:
• Die gewerbliche Nutzung (hier zählt dann meist auch eine freiberufliche Tätigkeit dazu) stellt eine unzulässige Nutzungsänderung von Wohnraum dar und wird auch dann nicht gestattet, wenn der Vermieter zustimmt.
• Die Stadt/Gemeinde verlangt den Nachweis von genügend eigenen Parkplätzen.
• Durch den Besuch von Kunden/Mandanten in Ihrem Home-Office fühlen sich die Anwohner/Nachbarn gestört und
• die Lieferung bzw. Abholung Ihrer per Webshop verkauften Waren werden als Belästigung empfunden.
Es kommt dabei nicht darauf an, ob Sie selbst das genauso sehen – in einem reinen Wohngebiet hat das Wohnen Priorität!
Eine solche Unterbrechung Ihres gerade anlaufenden Geschäftes kann Sie Ihre ersten Kunden kosten und Sie in Ihrem Markt unmöglich machen: Unprofessionalität ist kein gutes Marketing!
Informieren Sie sich vorher, wie die aktuelle Lage ist, inzwischen gibt es nämlich Beschlüsse regionaler Volksvertretungen über die Lockerung solcher Bestimmungen. Manchmal genügt auch die schriftliche Zustimmung Ihrer Nachbarn zu Ihrem unternehmerischen Tun.

Welche Standortfaktoren zählen?

Wo Ihre Analyse Schwerpunkte setzen muss, hängt davon ab, was Sie gründen werden.
Hier einige der Standortfaktoren, die, abhängig vom konkreten Unternehmensgegenstand, besonders wichtig sind:
• Ist die Zielgruppe in ausreichender Zahl vorhanden?
• Liegt das Geschäft in einer Fußgängerzone, in einer Haupt- oder Nebenstraße?
• Wie hoch ist die Miete, ist der Kaufpreis?
• Gibt es genügend Parkplätze und/oder müssen Sie selbst der Behörde welche nachweisen?
• Ist das Gebäude/sind die Räume erweiterungsfähig?
• Entsprechen die Gebäudebedingungen den Bedürfnissen der Zielgruppe?
• Gibt es ausreichende Zufahrten?
• Welchen Ruf hat das Viertel, in dem der Standort liegt?
• Welche Kommunikationsmittel sind sicher vorhanden (z.B. DSL, Funknetze)?
• Wie weit ist die Konkurrenz entfernt?
• Gibt es die gewünschten Mitarbeiter mit der notwendigen Qualifikation?
• Welche gesetzlichen Bestimmungen gelten?
• Was fordert die Abfallsatzung? Gibt es Auflagen im Umweltschutz?
• Entspricht das Objekt den Anforderungen der Betriebsstätten-Verordnung?
• Welche Steuern fallen in welcher Höhe an?
• Existieren Netzwerke oder Kooperationen?
• Sind regionale Fördermöglichkeiten (Zuschüsse, Sonderkredite, Vorzugspreise, kostenlose Flächennutzung usw.) vorhanden?
• Werden kommunale Maßnahmen, die Standortqualität in den nächsten Jahren verändern?
Prüfen Sie diese und weitere Faktoren vor der Gründungsentscheidung genau. Sortieren Sie Ihre Liste dabei nach Prioritäten, die sich aus Ihrer konkreten Geschäftsidee ergeben.
Zwiti: Hilfsmittel zur Standortbewertung
Entscheiden Sie über Ihren Standort möglichst ohne große Emotionen und beziehen Sie Personen ein, die objektiv sind.
Vergleichen Sie unbedingt Varianten, um ein Gefühl für die kritischen Punkte zu bekommen. Eine Hilfe zum Vergleich unterschiedlicher Standorte kann eine kleine Bewertungstabelle1 sein:
Beispiel 3 – Standortvergleich
Schritt 1: Die für Ihr Vorhaben wichtigsten Faktoren auswählen.
Schritt 2: Die einzelnen Faktoren mit Bewertungspunkten von 1 bis 100 versehen (100 = unverzichtbar) und als Idealvariante an den Anfang setzen.
Schritt 3: Ihre Standortvarianten ebenfalls nach dieser Einteilung bewerten.
Schritt 4: Aus den summierten Punkteständen die Rangfolge der Eignung ableiten.
(Einfügen Extra-Datei)
In diesem Beispiel wäre Variante 3 die interessanteste. Obwohl Variante 1 an zweiter Stelle steht, ist deren Wert für die „Lauflage“ so niedrig, dass sie zum Beispiel für ein Einzelhandelsgeschäft nicht in Frage käme.
Zwiti: Wie komme ich an Informationen?
Um eine tragfähige Basis für Ihre Standortentscheidung zu erhalten, werden Sie um eine ausführliche Marktanalyse nicht herumkommen. Diese Arbeit sollten Sie unbedingt selbst in Angriff nehmen – sonst lernen Sie nichts daraus für Ihre späteren unternehmerischen Entscheidungen. Das wird Ihnen aber nur dann gelingen, wenn Sie sich die Zeit dafür nehmen und intensive Recherchen anstellen. Viele Informationen lassen sich aus Betriebsvergleichen, Brancheninformationen, Statistiken und nutzerorientierter Fachliteratur ableiten. Das Internet ist ein geeignetes Portal, an solche Informationen zu kommen.
Darüber hinaus haben zumindest die großen Wirtschaftskammern (IHK und HWK) oft sogar spezielle Abteilungen (wie bei der IHK München), wo Sie meist kostenlos Standortinformationen erhalten. Nutzen Sie dafür auch deren teils gut gepflegte Bibliotheken.
Kostenpflichtige Dienstleistungen von Beratungsunternehmen oder Marktforschungsinstituten prüfen Sie bitte vorher darauf, ob der Aufwand Ihrem Gründungsgegenstand angemessen ist – zuweilen gibt es schon kostengünstige Onlinecheck-Angebote für standorttreue Gründungen in Einzelhandel und Gastronomie im Internet (www.standortanalyse.biz)
Oft wird es aber nicht zu vermeiden sein, dass Sie selbst über Befragungen, Beobachtungen, Zählungen, Tests und viele Gespräche mit Mitbewerbern, Vertretern Ihrer Zielgruppen, Fachleuten und anderen Gründern Ihre Datenbasis schaffen.

Info-Kasten

Autor Prof. Dr. Uwe Kirst
Kirst – Gesellschaft für Kommunikation mbH Wien und Linz/Leonding
Unternehmer seit 20 Jahren, Herausgeber und Autor; Hochschullehrer, Berater und Publizist, vermittelt gemeinsam mit seinem Team Unternehmern und Unternehmerinnen Praxiswissen für Gründung, Wachstum und Nachfolge in Vorträgen, Seminaren sowie als Coach und Mediator. info@kirst-gmbh.at

1(Quelle: nach Uwe Kirst „Selbständig mit Erfolg“, 7. Auflage, Wolters Kluwer Deutschland, München 2010, S. 71f.)

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